Rosa und Käthchen, beide fast in einem Alter, ein paar aufknospende Rosen, vor denen die Welt in ihrem ersten wunderbaren Glanz geöffnet lag, hatten auch noch keinen Schatten in dieser weiten Blumenau entdeckt, Alles, was sie umgab, diente nur dazu, ihnen neue Freude zu bereiten. — Glückliche Jugendzeit, daß Du so rasch vergehen mußt, und wenn geschwunden — nie im Leben wiederkehrst!

Elisabeth wie Klara waren Beide um drei Jahr älter — und deßhalb auch ernster und ruhiger und hatten sich, wie schon gesagt, so gleich vom ersten Augenblick zu einander hingezogen gefühlt, daß sie auch jetzt, Arm in Arm, wie zwei alte Jugendfreundinnen, hinter den jüngeren Mädchen herschritten, während ihnen der Justizrath mit dem Professor und dem jungen Berger folgten.

So erreichten sie den Garten und wurden hier auf das Liebenswürdigste von der Frau Professorin empfangen. Ihr wäre es auch am liebsten gewesen, wenn sich die Gäste gleich wieder zum Essen und Trinken niedergesetzt hätten, was aber von Allen auf das Entschiedenste abgelehnt wurde. — Kaffee war auch schon getrunken, aber sie ließ es sich wenigstens nicht nehmen, Obst und Wein auf den Tisch in der Laube zu stellen, daß sich davon nehmen konnte, wer eben Lust hatte.

Eine Stunde verging etwa so: die Herren hatten sich um den Wein gesetzt, die Mädchen gingen plaudernd auf und ab, bis ein paar junge Leute mit ihrer Schwester, einer Freundin Rosa’s, noch zum Besuch herüber kamen. Jetzt ließ Käthchen keine Ruh’ mehr: es sollte ein Gesellschaftsspiel arrangirt werden, denn das ewige Schwatzen war zu langweilig.

Das junge Volk ging natürlich rasch darauf ein, und Berger zeigte sich dabei so unerschöpflich im Anordnen neuer interessanter Spiele, daß man sich, als der Aufenthalt im Garten zu kühl wurde, noch nicht dazu entschließen konnte, auseinander zu gehen, sondern einstimmig entschied, das Spiel oben im Zimmer fortzusetzen.

Vorher mußte allerdings erst etwas zu Abend gegessen werden, das ließ sich die Frau Professorin nicht nehmen, wenn auch die Letztgekommenen erklärten, das schon erledigt zu haben. Der Tisch wurde mit kalten Speisen gedeckt, aber das junge Volk versäumte nicht viel Zeit damit. Nachdem nur etwas verzehrt worden, um die Hausfrau zufrieden zu stellen, halfen die jungen Damen selber mit Abräumen, daß die Tafel nur rasch wieder bei Seite geschoben werden konnte, und jetzt begann das Spiel von Neuem.

Natürlich war bunte Reihe gemacht worden, und Berger kam dabei zwischen Elisabeth und Klara zu sitzen. Mehrere der früher gespielten Spiele hatte man auch schon wieder durchgenommen, als Berger ein neues vorschlug, das die muntere Schaar rasch aufgriff. Ja so ansteckend schien ihre ausgelassene Fröhlichkeit zu sein, daß sich sogar die Eltern mit dem Justizrath nicht länger davon ausschließen mochten und unter dem Jubel des jungen Volkes mit Platz im Kreise nahmen.

Das neue Spiel hieß: „Gedanken errathen“, und Berger selber machte den Anfang als „Rathender“. Vorher erklärte er natürlich der kleinen Gesellschaft den Sinn des Spiels und verließ dann das Zimmer, um den Zurückbleibenden Raum zu lassen, sich etwas auszudenken.

Jeder mußte ihm nämlich — wenn er wieder hereingerufen wurde, drei Worte nennen, die auf das, an was er gerade dachte, Bezug hatten, und danach hatte er nachher zu rathen, womit sich die betreffende Person in ihren Gedanken augenblicklich beschäftigte. Natürlich lag es dabei in Jedes Interesse, die Worte so vieldeutig als möglich zu wählen, um den Rathenden nicht zu rasch auf die richtige Spur zu bringen.

Rathen durfte er dreimal — rieth er es dann nicht, so mußte er ein Pfand geben, und damit der Gefragte (den man, im Fall seine Gedanken wirklich getroffen wurden, ebenfalls um ein Pfand strafte) nicht willkürlich leugnen konnte, hatte Jeder vorher der Gesellschaft zu sagen, an welchen Gegenstand oder an welche Handlung er in dem Augenblick denken wolle.