„Aber Du deutetest doch gestern Abend ein Begegnen in Hoßburg an.“
„Ich muß mich geirrt haben,“ sagte Elisabeth; „es war nur ein flüchtiger Moment auf der Promenade, wenn ich auch auf die Aehnlichkeit geschworen hätte. Käthchen aber, die damals bei mir war und die ich gestern Abend noch darum frug, will Nichts davon wissen, oder sagte wenigstens, daß sie sich auf jene Persönlichkeit viel zu wenig besinnen könne, um sie jetzt noch im Gedächtniß zu haben. Aber weßhalb fragst Du das, Klärchen?“
Klara schwieg; ihre Gedanken waren jedenfalls wo anders, aber sie mußte die Frage gehört haben, denn nach einer Weile erwiederte sie: „Ich weiß es selber nicht, Lily, aber gestern — und ich habe mich dabei auch jedenfalls geirrt, war es mir fast, als ob Berger bei Deinen Worten erschrak. — Bitte, erzähle mir doch Dein Begegnen mit ihm oder jenem Anderen, der ihm gleich sah.“
Elisabeth lächelte: „Sein Unglück gestern brachte mich darauf,“ sagte sie, „denn jenem Herrn war ein ganz ähnlicher Unfall begegnet,“ — und nun erzählte sie der Freundin mit kurzen Worten das Begegnen an jenem Tage auf der Promenade von Hoßburg, das allerdings viel zu flüchtig gewesen war, um ein Wiedererkennen der Persönlichkeit mit Gewißheit behaupten zu können. — „Nun,“ setzte sie ernst hinzu, „muß ich Dir gestehen, daß es auch mir gestern Abend — aber auch nur für einen Moment — den Eindruck gemacht hat, als ob er bestürzt über meine Antwort wäre. Doch wie sollte das möglich sein, und ein Mißverständniß muß da jedenfalls zum Grunde liegen. Wer weiß, an was er in dem Augenblick gerade gedacht, das zufällig flüchtig mit meinen Worten zusammenstimmte. Aber sage mir Klärchen,“ setzte sie herzlich hinzu, „ist es wahr, daß Du mit Herrn von Berger verlobt bist?“
„Ja,“ hauchte Klara leise.
„Du sagst das Ja so wehmüthig,“ flüsterte Elisabeth, indem sie ihren Arm um die Freundin schlang, „bist Du nicht glücklich, Herz?“
„O doch, Lily,“ wehrte Klara ab, „gewiß bin ich’s — Berger ist ein sehr tüchtiger, geistvoller Mann, und — es ist ja meine freie Wahl —“
Elisabeth schwieg; sie fühlte, daß hier nicht Alles war, wie es sein sollte, aber hatte sie ein Recht, sich in das Vertrauen der Freundin zu drängen, wenn ihr dieses nicht freiwillig angeboten wurde?
Lautlos wandelten die beiden Jungfrauen eine Weile neben einander hin — Jede mit ihren eigenen Gedanken voll und reichlich beschäftigt. Endlich sagte Elisabeth wieder: „Der Professor hat heute Morgen davon gesprochen, daß er sich Donnerstag Abend wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten bitten will; er scheint sich gestern vortrefflich amüsirt zu haben, und die Frau Professorin sagte, sie wisse sich der Zeit nicht zu erinnern, daß sie so viel gelacht hätte. Herr von Berger ist wirklich unendlich amüsant bei solchen Gelegenheiten.“
„Ferdinand ist heute Morgen abgereist,“ sagte Klara leise.