Mehrere Tage vergingen indessen, bis der Professor seine erste Absicht ausführte und sich wieder eine kleine Gesellschaft von jungen Leuten einlud. Man hatte sich so außerordentlich an jenem Abend amüsirt, daß eine Wiederholung von Allen auf das Sehnlichste gewünscht wurde, und als sie stattfand, mißlang die ganze Absicht.

Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß sich solche Dinge nun einmal nicht wiederholen lassen. Man kann sich eben nicht vornehmen, vergnügt zu sein; es muß in dem unvorbereiteten Moment aus uns heraussprudeln und im Geiste zünden, dann theilt sich der elektrische Funke vom Einen dem Andern mit; sobald es aber künstlich gemacht werden soll, geht es nicht.

Mag es sein, daß dießmal Berger fehlte, der ja die Seele des vorigen Abends gewesen. Er war nicht allein nicht nach Bonn zurückgekehrt, sondern hatte sogar an Klara geschrieben, er müsse nach Mainz und von da nach Paris fahren, um dort ein etwas verwickeltes Geschäft zu ordnen, das ihn zur Verzweiflung bringen würde, wenn er es durch Briefe erledigen solle. Er hoffte allerdings in acht Tagen wieder in Bonn zu sein, konnte aber seine Rückkunft noch nicht gewiß auf den Tag bestimmen.

In der jetzt geladenen Gesellschaft befanden sich allerdings ein Paar junge lebenslustige und auch geistreiche Leute, aber — sie trafen den rechten Ton nicht — oder lag es vielleicht an den Mädchen? Elisabeth wie Klara waren heute Beide ungewöhnlich still, — kurz, es ging eben nicht, und bald nach elf Uhr trennte sich die Gesellschaft mit dem eben nicht angenehmen Gefühl, einen etwas langweiligen Abend verbracht zu haben.

Der Justizrath, der anfangs die Zeit seines Aufenthalts in Bonn auf acht Tage festgesetzt und dann noch acht zugegeben hatte, rüstete sich jetzt ernstlich wieder zur Abfahrt. Elisabeth und Klara aber waren unzertrennlich geworden, und jede Stunde däuchte ihnen lang, die sie nicht mitsammen verleben konnten — und doch fiel ihr Gespräch nie mehr auf jenen Gegenstand zurück, der ihre Freundschaft eigentlich erst geknüpft. Es war ordentlich, als ob sich Beide davor fürchteten.

So lieb Klara aber Elisabeth hatte, so schien sich sonderbarer Weise im Herzen der alten Haushälterin ein entgegengesetztes Gefühl eingenistet zu haben. Sie war allerdings nicht abstoßend gegen das junge Mädchen, das so bescheiden und anspruchslos auftrat, aber nie zeigte sie Elisabeth ein freundlich Gesicht, und dadurch wurde der Medizinalrath — der in seinem eigenen Hause kaum mehr Willen hatte als ein Kind, auch ängstlich und zurückhaltend.

Das sollte jetzt Alles ein Ende nehmen. Auf morgen früh, und zwar mit dem ersten Boot, das stromab kam, war die Fahrt nach Köln beschlossen, um dort den Dom zu besichtigen und dann weiter hinab nach Amsterdam zu gehen. Beide Mädchen hatten noch nie eine Seereise gemacht, und der Vater wollte mit ihnen von Amsterdam bis Hamburg den Dampfer benutzen.

Berger war noch immer nicht zurückgekehrt. Er hatte dreimal geschrieben, einmal von Paris, einmal von Brüssel aus, der dritte Brief datirte wieder aus Paris und seine Briefe ließ er sich auch dorthin senden. Mit der Abwickelung seines Geschäfts ging es vortrefflich, wenn auch entsetzlich langsam. So sehr er sich nach Bonn zurücksehnte — aber jetzt war er einmal da und mußte aushalten. Jeder Brief brachte übrigens auch Grüße für die liebenswürdige Familie des Justizraths aus „Haßburg“, wie er den Platz immer nannte, und er bedauerte es in jedem, daß es sich mit seiner gezwungenen Abreise so getroffen, dieser charmanten Familie verlustig zu gehen.

Es war spät am Nachmittag, als der Justizrath mit seinen beiden Töchtern noch einmal zu Freund Paßwitz hinüberging, um Abschied zu nehmen. Klara weinte bitterlich und küßte Elisabeth wieder und wieder, und als der Vater schon mit Käthchen voraus war, standen die beiden Mädchen noch im Hausflur und hielten sich umschlungen.

„Und Du schreibst mir bald, Lily, nicht wahr?“