„Nein, Lily — Jeanette nicht von dem bösen Mann erzählen,“ rief aber die Kleine, ängstlich mit dem Kopf schüttelnd, „kommt wieder und thut Jeanette weh wie arme Pello.“
„Aber, Herz, ich bin ja bei Dir — hier thut Dir Niemand was.“
„Nein — nicht böse Mann,“ bat aber Jeanette — „Tante Lily soll Jeanette was erzählen.“
„Gut, Herz — also will ich Dir etwas erzählen,“ ging Elisabeth auf den Wunsch der Kleinen ein, „eine recht, recht hübsche Geschichte von einem Prinzen und einer Prinzessin und einem großen Schloß, in dem sie wohnten, und einem bösen, bösen Riesen, der das Schloß stürmen und den Prinzen todtmachen wollte.“
„Böse Mann,“ sagte die Kleine leise und nestelte sich auf der Fußbank neben Elisabeth nieder.
„Ja, mein Kindchen,“ nickte das junge Mädchen, „das war wohl ein böser Mann. Der Prinz und die Prinzessin aber waren sehr gut und lebten so glücklich mit einander. Sie wohnten in einem schönen großen Schloß aus lauter Gold und Elfenbein gebaut, und hatten einen Garten rings darum her, in dem die wundervollsten und herrlichsten Blumen blühten und die delikatesten Früchte hingen.“
„Aepfel,“ sagte Jeanette, die indessen an ihrem Bonbon knusperte, aber aufmerksam zuhörte.
„Aepfel und Birnen,“ erzählte Elisabeth weiter, „goldene Nüsse, Trauben, Aprikosen und Gott weiß was Alles. Kinder hatten sie nicht, aber ein kleines braunes kluges Hündchen, das ihnen überall nachfolgte und die hübschesten Kunststücke machen konnte.“
„Pello,“ sagte Jeanette.
„Und das hatten sie so lieb,“ erzählte Elisabeth weiter, „wie man es gar nicht beschreiben kann. Es lief auch immer hinter ihnen drein und verließ sie keinen Augenblick. Der böse Riese wäre auch gern schon heimlich in das Schloß eingebrochen, aber das Hündchen paßte vortrefflich auf, und jedes Mal, wenn er nur in die Nähe kam, bellte es so laut und machte einen solchen Spektakel, daß die Leute alle herbeiliefen, und dann mußte der alte böse Riese laufen, was er nur konnte, damit sie ihn nicht erwischten. — Eines Tages nun da war das kleine kluge Hündchen gar viel herumgelaufen und recht müde geworden, so müde, daß es sich auf sein Bettchen legte und fest schlief und sich um gar Nichts kümmerte, was draußen vorging.“