„Aber weißt Du gar nicht, wie er aussah, liebe Jeanette?“ bat das junge Mädchen, kauerte sich nieder zu ihr und schlang ihren Arm um sie. „Jetzt brauchst Du Dich doch nicht zu fürchten, Tante Lily ist ja bei Dir — komm, sag’ mir, mein Herz.“

„Jeanette will zu Mama,“ bat aber die Kleine, der Elisabeth’s Erzählung wahrscheinlich wieder die alten furchtbaren Eindrücke jenes Tages zu lebhaft vor die Seele heraufbeschworen hatte. Sie fürchtete sich ernstlich und wollte sogar ihre Zuckerdüte im Stich lassen. Elisabeth bekam ihre Noth, sie nur wieder so weit zu beruhigen, daß sie noch oben blieb, und erzählte ihr jetzt von den großen Dampfbooten und den vielen geputzten Menschen, von dem herrlichen Obst und dem blitzenden Wasser, bis das Kind das alte Schreckbild vergessen hatte, und wieder lachte und zuhörte.

Da ging plötzlich die Thür auf, und der Justizrath trat in’s Zimmer, Jeanette aber, noch immer nicht ganz beruhigt, erschrak so darüber, daß sie auf’s Neue zu weinen anfing und sich ängstlich an Elisabeth anklammerte. Diese war froh, als das Mädchen gerade von unten heraufkam, um Jeanetten abzuholen.

„Was hatte denn nur die kleine Lily?“ frug der Justizrath, als sie fort waren. „Sie ist doch sonst immer so munter und hat sich noch nie vor mir gefürchtet.“

„Ach, die alte Geschichte, Papa,“ sagte Elisabeth, „ich frug sie nach dem ‚bösen Mann‘, und das scheint sie noch immer zu erschrecken. Hat man denn in der ganzen langen Zeit unserer Abwesenheit keine Spur von dem Mörder gefunden?“

Der Justizrath schüttelte mit dem Kopf.

„Nicht die Spur,“ sagte er, „drei Menschen haben sie allerdings wieder indessen verhaftet, mußten sie aber wegen Mangel an Beweisen auch eben so bald freigeben; ich habe drüben einen ganzen Stoß von Akten über die Sache; das einzige Unglück ist, daß die alte gute Dame kein Buch geführt, nicht einmal ein Verzeichniß ihrer Werthpapiere und deren Nummern hinterlassen hat. Wie soll man ihnen jetzt auf die Spur kommen? Der jetzige Besitzer darf sie anbieten, wem er will, ja sie hier im Ort selber verkaufen; es kann ihm Niemand beweisen, daß sie früher im Besitz der Ermordeten gewesen.“

„Und die Juwelen?“

„Ja, mein liebes Kind, das ist eben so unsicher,“ sagte der Vater. „Ein hiesiger Juwelier hat allerdings einmal einen Theil derselben in Händen gehabt, wenn der Dieb aber nur die Vorsicht braucht, sie aus ihrer alten, doch werthlosen Fassung zu nehmen, welcher Mensch könnte nachher, selbst wenn sie aufgefunden würden, darauf schwören, daß es dieselben wären? Nein, das ist einer jener Fälle, die uns Justizbeamten zur Verzweiflung bringen, weil sie nicht den geringsten Halt an etwas Wesentlichem bieten, und möglich, daß es mit der Zeit einmal durch einen Zufall an den Tag kommt — wir haben ja viele solche Beispiele, aber unser Scharfsinn und unsere Ausdauer helfen uns Nichts dabei; sie sind geradezu weggeworfen. Doch was ich Dich fragen wollte — wo ist Käthchen?“