„Und darf ich sie mir gleich holen?“

„Wenn ihr Mädchen euch einmal etwas in den Kopf gesetzt habt, so laßt ihr auch nicht locker,“ meinte der Vater kopfschüttelnd, „ich habe aber bis jetzt immer gedacht, es sei nur da der Fall, wo es sich um irgend ein Vergnügen oder um einen Putz handelt. Eine Sache aber, die Dich so wenig interessiren kann, wie trockene Akten —“

„Und bin ich nicht die Tochter eines Justizraths?“ lächelte Elisabeth, „wie magst Du also glauben, daß mich ein derartiger räthselhafter Fall, der Deine ganze Arbeitskraft für lange Zeit in Anspruch genommen, nicht interessiren würde.“

„Ihr seid selber Räthsel,“ sagte der Justizrath kopfschüttelnd, „und der Henker mag aus Euch klug werden — wenn nur Käthchen zu Hause wäre — die wird Dich übrigens bei Deiner Lektüre nicht unterstützen.“

„Nein, Käthchen schwerlich,“ sagte Elisabeth, „darf ich mit auf Dein Zimmer, Papa?“

„Na, so komm’, Du kleiner Quälgeist,“ lachte der Vater, „denn eher giebst Du doch keine Ruh; das sag’ ich Dir aber, Du mußt mir morgen ein Referat über das Gelesene geben, damit ich sehe, ob ich Dir wieder Akten zur Durchsicht anvertrauen darf —“ und damit küßte er Elisabeth auf die Stirn und ging mit ihr in sein Studirzimmer, um ihr dort die verlangten Hefte auszuhändigen.

Achtes Kapitel.
Der Verdacht.

Der Justizrath stand gewöhnlich im Sommer, ja selbst bis spät in den Herbst um fünf Uhr auf und arbeitete, damit er, wie er sagte, seine Abende frei hatte, und nicht mehr bis spät in die Nacht hinein gedrängt würde. Er ging auch dafür ziemlich früh, und fast regelmäßig um zehn Uhr zu Bett, wie er denn überhaupt ein sehr geordnetes, fast etwas pedantisches Leben führte. Er hatte sich aber an diesem Morgen kaum seine heutige Arbeit zurecht gelegt und eben erst die Morgenpfeife gestopft und angezündet, als Elisabeth, die Akten unter dem Arm, zu ihm in’s Zimmer trat.

„Aber Kind!“ rief der Vater erstaunt, „schon auf? Du hast früh ausgeschlafen.“