„Und was willst Du jetzt thun, Papa?“
„Laß mir Zeit zum Ueberlegen, Schatz, — alle Wetter, Mädel, die Justiz ist nicht darauf eingerichtet, daß sie Hals über Kopf einen Beschluß faßt, und das hier ist außerdem ein Casus, wo mit äußerster Vorsicht zu Werke gegangen sein will, denn im ungünstigen Fall kompromittire ich nicht allein eine anständige und mir befreundete Familie, sondern mich selber dazu — Berger — Berger — in der That, es ist merkwürdig, der Name stimmt in der That, und manches Andere würde vielleicht auch stimmen, aber — es ist ja doch gar nicht möglich, und Freund Paßwitz — hm, hm, hm — Jedenfalls müssen wir vorher wissen, ob jener Berger aus Bonn und der, welcher sich um Geld an das alte Stiftsfräulein gewandt hat, ein und dieselbe Person sind — nachher läßt sich ein Vorgehen entschuldigen, ja ist vielleicht geboten. Willst Du also schreiben?“
„Gleich heute, Papa — noch in dieser Stunde, denn wenn sich der furchtbare Verdacht bestätigt, so ist allerdings kein Tag Zeit zu verlieren, um Klara vor einem furchtbaren Schicksal zu bewahren.“
Der Justizrath schüttelte noch immer mit dem Kopf. Die ganze Sache kam ihm so entsetzlich unwahrscheinlich vor, daß er sich noch nicht damit befreunden konnte, und trotzdem hatten die einzelnen Verdachtsgründe doch auch wieder gerade in ihrer Zusammenstellung einen gewissen Halt, den er als Kriminalist unmöglich unbeachtet lassen konnte. Keinesfalls war ein entscheidender Schritt eher zu unternehmen, ehe nicht die Handschrift jenes Berger eingetroffen.
„Gut, mein Kind,“ sagte er nach einer längern Pause des Nachdenkens, in der er den Dampf seiner Pfeife in wahren Wolken von sich blies, „schreib — schreib umgehend, und dann wollen wir das Weitere berathen. Das versprich mir aber, Herz, sobald Du geschrieben und den Brief fortgeschickt hast, legst Du Dich zu Bette und schläfst mir, bis zum Mittagessen gerufen wird — wie?“
„Ich verspreche es Dir, Papa,“ sagte Elisabeth, küßte den Vater und verließ dann das Zimmer; der Justizrath aber schob all’ die anderen, für nothwendig gehaltenen Arbeiten bei Seite, und nahm die Akten jenes geheimnißvollen Raubmords wieder vor, die er von Anfang bis Ende noch einmal aufmerksam, und ohne sich dabei von irgend Jemanden stören zu lassen, durchstudirte.
Neuntes Kapitel.
Vergebliche Nachforschungen.
Vier Tage vergingen so, ohne daß in der Sache ein weiterer Schritt gethan gewesen wäre. Das Gericht hatte sie allerdings noch nicht aufgegeben, und alle Beamten waren instruirt worden, mit äußerster Aufmerksamkeit jeder nur irgend verdächtigen Spur zu folgen, aber ein Resultat wurde dadurch nicht erzielt, und man hoffte es auch kaum mehr. Daß sich der wirkliche Thäter nicht lange nach dem verübten Verbrechen in Hoßburg aufgehalten hatte, ließ sich denken, und wer konnte sagen wohin — ja nur nach welcher Richtung er sich von da gewandt?