Die Akten lagen noch auf seinem Schreibtisch, und die beiden angehefteten Briefe aufschlagend, streckte er die Hand nach dem erwarteten Schreiben aus. — Elisabeth hielt es noch zurück.
„Beantworte mir erst eine Frage, Vater.“
„Was, mein Kind?“
„Welche Strafe wird der Verbrecher erhalten — wenn er schuldig ist?“ sagte das Mädchen mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
„Welche Strafe? Ei, mein Kind,“ sagte der Justizrath, „das hängt ganz von dem Ergebniß der Untersuchung ab. Stellt sich die That — was allerdings schwer zu beweisen oder nachzuweisen ist — als ein vorbedachter Mord heraus, dann verdient er den Tod —“
„Großer Gott!“
„Ist das aber nicht der Fall, hat er bloß in der Erregung des Augenblicks gehandelt, so ist es möglich, daß er mit lebenslänglicher — ja vielleicht nur zwanzigjähriger Zuchthausstrafe davonkommt.“
„Und ich, Vater,“ sagte das Mädchen in Todesangst, „ich soll dazu helfen, eine so furchtbare Strafe über einen Menschen zu verhängen? — Es wäre entsetzlich, und der Gedanke daran würde mich mein ganzes Leben quälen und peinigen.“
„Ich sehe doch, daß Du noch nicht recht zum Justizbeamten paßst, mein Kind,“ sagte der Vater, „und aus dem Grund ließen sich Frauen vielleicht — trotz ihrem sonstigen Scharfsinn — nicht dazu verwenden. Du möchtest einen Mörder — wenn er wirklich ein solcher ist — nicht seiner Strafe überliefern, aber Deine Freundin seinen Armen?“