„Meine arme, arme Klara!“ rief Elisabeth, ihr Antlitz in den Händen bergend.
„Komm’, gieb mir den Brief,“ sagte der Vater ruhig, „und das Andere überlass’ vor der Hand mir. Ich werde Dich nicht mehr damit behelligen, als unumgänglich nöthig ist. Vielleicht zeigt es sich ja auch, daß dieser Berger, den wir kennen, mit der ganzen Sache gar Nichts zu thun hat, und dann ist es um so mehr unsere Pflicht, einen so schweren, jetzt auf ihm ruhenden Verdacht zu entfernen — ist er aber schuldig, dann hat er auch ein so schweres Verbrechen verübt, daß es Pflicht jedes braven Menschen ist, ihn deßhalb zur Verantwortung zu ziehen — ja die Selbsterhaltung zwingt uns dazu, denn wer von uns wäre sicher, nicht in der eigenen Familie von solchen Buben angefallen und beraubt oder ermordet zu werden, wenn die Vergeltung solcher That nicht auf dem Fuße folgte? Also gieb mir den Brief, Schatz, denn wie Du selber sagst, haben wir nicht mehr viel Zeit, um Deine Freundin Klara vor einem vielleicht recht traurigen Schicksal zu bewahren.“
„Hier ist der Brief, Vater,“ sagte Elisabeth, während jeder Blutstropfen ihr Antlitz verlassen hatte, „ich fühle, es muß sein — thu’ Deine Pflicht.“
„Ich danke Dir, mein Kind!“ sagte der Justizrath, und verglich schon, noch während er sprach, die beiden Schriftstücke miteinander — aber ein Verkennen war nicht möglich — die steil stehenden Buchstaben beider rührten unzweifelhaft von einer und derselben Hand her. — Jener Berger in Bonn war der nämliche, der an das alte Stiftsfräulein geschrieben und sie „Cousine“ genannt hatte, und mußte damals außerdem in sehr großer Geldverlegenheit gewesen sein, denn seine beiden vorgefundenen Briefe lauteten dringend und waren voll Betheuerungen, daß es das letzte Mal sein solle, wo er sie um Unterstützung angehe, da er Aussichten habe, sich eine feste und bleibende Existenz zu gründen.
Ganz anders klang freilich dieser, nur sieben Monate ältere Brief, der der Geliebten in jugendlichem Uebermuth die glänzenden, glücklichen Tage schilderte, die sie jetzt bald, recht bald zusammen und Seite an Seite verleben wollten.
Der Justizrath legte das neue Blatt schweigend zu den Akten.
„Und was schreibt Dir Klara?“
„Der Brief ist nur kurz, Papa,“ sagte Elisabeth, während sie denselben entfaltete und las:
„Meine liebe, liebe Lily!