„Ich bin jetzt glücklich — recht glücklich. Seit Ferdinand zurückgekehrt ist, scheint er ganz verändert — meine Befürchtungen waren ungegründet — Bella hat Recht — er liebt mich wirklich. — Wie danke ich Dir, daß Du so Theil an mir nimmst, und Dich besonders für Ferdinand so sehr interessirst — Du sollst auch einen seiner süßesten Briefe erhalten — erfahren darf er es freilich nicht, daß ich ihn Dir geschickt habe, er würde sonst vielleicht böse darüber werden — er kann ja aber nicht wissen, wie lieb ich Dich habe. Unsere Verbindung ist jetzt auf morgen in acht Tagen festgesetzt, und unsere Hochzeitsreise machen wir — rathe, wohin? Du riethest es nicht, und wenn ich Dir ein Jahr Zeit dazu ließe — denke Dir, nach Westindien. Er ist aber excentrisch in Allem, was er thut — eine gewöhnliche Reise nach Frankreich oder Italien genügt ihm nicht, und da er in Westindien Geschäftsverbindungen hat, will er das gleich benutzen, um alte Bekanntschaften zu erneuen und neue anzuknüpfen. Bella wird in der Zeit Papa die Wirthschaft führen, bis wir nach Bonn zurückkehren. Aber heute kann ich Dir nicht mehr schreiben — Ferdinand ist erst seit gestern Abend wieder hier eingetroffen und ich erwarte ihn jeden Augenblick — wenn er kommt, habe ich nachher natürlich keine Zeit mehr.
„Empfiehl mich Deinem Papa, küsse mein herziges Käthchen und behalte lieb wie immer
Deine glückliche Klara.“
„Arme — arme unglückliche Klara.“
„Also nach Westindien will der junge Herr die Hochzeitsreise machen,“ sagte der Justizrath, dabei mit dem Kopfe nickend, „das wäre allerdings ein äußerst bequemer Platz, um von da ab im Nothfall jede Spur zu verwischen. Lily, Lily, ich fange immer mehr an zu glauben, daß Dein Verdacht ein begründeter gewesen — aber geh’ jetzt auf Dein Zimmer, Kind — überlass’ mir das Weitere. Ich weiß nun, wie sehr die Zeit drängt, und will Nichts versäumen, um sowohl einem möglichen Unglück zu begegnen, als auch das Geheimniß bis zum entscheidenden Augenblick zu wahren, falls jener Berger doch noch, wider alles Erwarten, unschuldig und der ganzen Sache fremd sein sollte.“
Das waren jetzt zwei schwere Tage im Hause, die nächsten beiden, und Käthchen wußte nicht, was sie vom Vater und besonders von der Schwester denken sollte. War Elisabeth krank geworden? — Bleich und elend genug sah sie aus, aber sie verrichtete ihre gewohnte Arbeit nach wie vor, nur auf die drängenden Fragen der Schwester gab sie ausweichende Antworten — Käthchen war noch so jung, so fröhlich — weßhalb sollte sie auch ihren Frieden stören, ihrem theilnehmenden Herzen einen solchen Kummer aufbürden — und doch würde sie selber es viel leichter getragen haben, wenn sie die Last hätte mit einer andern Brust theilen können.
Der Justizrath dagegen, während Elisabeth still vor sich hin brütete, schien von einer ganz ungewohnten Thätigkeit belebt und selbst beim Essen, wo er sich sonst ganz und ausschließlich seiner kleinen Familie widmete, so zerstreut, daß er von Käthchen an ihn gestellte Fragen entweder gar nicht oder ganz verkehrt beantwortete. Der Fall war in der That auch wichtig genug, um seine Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch zu nehmen; aber selbst mit Elisabeth sprach er kein Wort weiter darüber. Nur einmal ließ er sich von ihr all’ die Einzelnheiten aus Bonn ausführlich erzählen und betrieb dann seine Nachforschungen theils durch den Telegraphen, theils in der Stadt mit einem bei der Justiz sonst ganz ungewohnten Eifer.
Selbst mit der kleinen Jeanette wollte er in Gegenwart der Mutter einen neuen Versuch anstellen, um etwas aus dem Kind herauszubekommen. Das aber zeigte sich als vollständig erfolglos, denn die Kleine hatte ihre Furcht noch lange nicht überwunden und fing wieder heftig an zu weinen, als nur der „böse Mann“ erwähnt wurde. Es mußte aufgegeben werden. Längere Konferenzen hatte der Justizrath aber dagegen mit der Modehändlerin, Madame Belchamp.
Am Morgen des dritten Tages kam der Justizrath ungewöhnlich früh vom Kriminalamt zurück und schien in nicht geringer Aufregung. Selbst Käthchen, die ihm an der Treppe begegnete, bemerkte es.
„Ist etwas vorgefallen, Papa?“ frug sie, „Du siehst so erhitzt aus!“