Noch während sie sprachen, fuhr eine offene Droschke vorüber, und der Herr mit dem zerrissenen Beinkleid saß darin. Er mußte seinen Schaden bemerkt haben, denn sein Taschentuch in der Hand haltend, ließ er es über das linke Knie fallen. Die Damen schien er aber nicht wieder zu bemerken, sondern sah still und theilnahmlos hinaus in’s Leere.

Die jungen Mädchen sprachen noch eine Weile über das Zusammentreffen, aber andere ihnen Begegnende verwischten bald wieder die nur flüchtig aufgenommenen Bilder, und schon ehe sie nach Hause zurückgekehrt waren, dachte wenigstens Käthchen an keinen der Herren mehr, die sie unterwegs getroffen hatten, und plauderten nur unaufhörlich von den prachtvollen Toiletten, die sie heute gesehen, von den „süßen“ Roben und Blumen und dem wundervollen Wetter, wie dem herrlichen Spaziergang.

Zweites Kapitel.
Der Mord.

Auf den sonnigsten Tag folgt oft ein trüber Abend. Plaudernd und lachend kehrten die jungen Mädchen in ihre eigene Wohnung zurück und fanden dort das ganze Haus in Aufruhr und Schrecken und die Menschen herüber und hinüber laufend.

Ein Mord war verübt — am hellen lichten Tag, in einem großen, bewohnten Gebäude, wo fast keine Minute verging, in der nicht Menschen die Treppe auf und abstiegen, und das Unmittelbare des Ereignisses traf Alle bis in’s innerste Mark.

Der Justizrath von Hochweiler bewohnte die erste Etage des Wiesenwegs — einer der ersten, belebtesten Straßen der Stadt. Rechts im unteren Stock befand sich ein Modewaarengeschäft, in welchem einige zwanzig junge Mädchen beschäftigt waren und ihren Eingang über die Flur hatten, links in dem beschränkteren, aber immer noch sehr bequemen Quartier logirte eine alte Dame — ein Stiftsfräulein, schon seit vielleicht fünfzehn Jahren, und obgleich sie sehr wenig mit ihren Hausgenossen verkehrte, hatten sie doch Alle ihres stillen, freundlichen Benehmens wegen gerne. Sie machte übrigens keine Besuche und empfing keine; eine alte Magd, die so lange bei ihrer Herrschaft war, daß sie selber die Zahl der Jahre vergessen hatte, besorgte die kleine Wirthschaft, und ein Kanarienvogel, wie ein Wachtelhündchen, waren die einzigen Gesellschafter, die sie um sich hatte — mit Ausnahme des kleinen Töchterchens der Modistin, das manchmal zu ihr hinüber kam und ihr mit seinem ungeschickten Mäulchen — das kleine Ding war kaum drei Jahr alt — vorplaudern mußte. Von der Welt wollte die alte Dame Nichts wissen, sie hatte davon — wie sie manchmal äußerte — mehr gesehen und mehr darin erlebt, als ihr lieb war. Das Stammeln des Kindes, das Zwitschern des Vogels und das Bellen ihres Hündchens waren ihr da die liebste Unterhaltung.

In der Stadt hieß es allerdings, die Dame sei sehr reich, aber wenn das wirklich der Fall gewesen wäre, so ließ sie ihre Umgebung Nichts davon merken. Sie lebte sehr einfach, fast ärmlich, und vermied es sorgfältig, über ihre Verhältnisse je zu sprechen. Uebrigens fiel sie Niemandem zur Last und für arme Leute hatte sie immer noch eine Gabe übrig.

Unerklärlich war es deßhalb, wer — ganz abgesehen von dem Wagniß, bei der Ausführung eines solchen Verbrechens augenblicklicher Entdeckung preisgegeben zu sein, — die Hand an die arme alte Frau gelegt haben konnte, und so spurlos schien der Thäter verschwunden, daß kein Inwohner des ganzen Hauses sich erinnerte, eine irgend auffällige Gestalt bemerkt, oder überhaupt gesehen zu haben, daß Jemand bei der „Stiftsdame“ eingelassen worden, oder ihre fast immer verschlossene Wohnung wieder verlassen hätte.

Gegen sechs Uhr Nachmittags erst hatte die Modistin ihr kleines Mädchen von drüben abholen wollen, weil sie ihr über die Zeit ausblieb und auf ihr Klingeln keine Antwort bekommen. Sie war ängstlich geworden, und als die, jetzt aus der Stadt zurückkehrende alte Magd sich das Schweigen im Innern der Wohnung auch nicht zu erklären wußte, hatte man endlich Polizei und einen Schlosser geholt, und dann freilich rasch genug die furchtbare Ursache entdeckt.

Leise weinend und in Todesangst kauerte das arme dreijährige Kind unter dem Schreibtisch und wagte sich nicht einmal vor, als die Mutter in Schreck und Entsetzen auf es zustürzte, um zu sehen, ob ihrem Liebling ein Leid geschehen. In ihrem Lehnstuhl aber lag die alte Dame, todt — mit keinem Zeichen äußerer Gewalt, als einem blutigen Fleck an ihrem rechten Schlaf. Aber das nicht allein verrieth die hier verübte Gewaltthat, sondern mitten im Zimmer lag auch noch das kleine zierliche Wachtelhündchen der Erschlagenen. Es lebte allerdings noch, aber sein Rückgrat war gebrochen, und es winselte nur, als Menschen eintraten, von denen es vielleicht eine mögliche Hülfe erhoffen mochte.