„Weißt Du, wie er heißt und wo er wohnt?“
„Nein, aber ich glaube, daß sich das bald erfahren ließe, da ihn sein Aeußeres leicht von Anderen unterscheidet; schon seine schneeweißen Haare zeichnen ihn aus.“
„Gut, mein Kind, — also packe Deine Sachen zusammen, unser Aufenthalt wird kein langer sein und Du brauchst nicht viel.“
„Und Käthchen?“
„Können wir dießmal nicht gebrauchen, — es ist keine Vergnügungstour, die wir machen. Ich habe ihr schon gesagt, daß ich Dich nur auf ein paar Tage zu Deiner Tante brächte und auf der Rückreise wieder mitnähme. Kannst Du in zwei Stunden mit Deinen Vorbereitungen fertig sein?“
„In einer, Papa.“
„Gut, mein liebes Herz, und nun Muth, — der liebe Gott wird Alles zum Besten lenken.“
Zehntes Kapitel.
Wieder in Bonn.
Mit wie leichtem und fröhlichem Herzen hatte Elisabeth ihre letzte Reise nach eben dieser Stadt angetreten, und wie schwer — wie furchtbar schwer wurde ihr die jetzige. Das war auch in der That keine Vergnügungstour — der Vater hatte Recht, — das war ein Hetzen von Zug zu Zug, und selbst das Dampfschiff ging dafür nicht rasch genug den Strom hinab, sondern im heißen, staubigen Coupé flogen sie, neben dem herrlichen kühlen Rhein hinab, ihre Bahn. Sie waren auch die ganze Nacht hindurch gefahren und erreichten Bonn etwa zehn Uhr Morgens.
Wie verschieden von ihrer früheren Ankunft am lachenden Stromesufer, wo liebe Freunde ihnen entgegenwinkten und die Zeit nicht erwarten konnten, um einander in die Arme zu fliegen, war aber die jetzige. Im Bahnhof selber erwartete sie Niemand, als der bleiche unheimliche Assessor Berthus, vor dem Elisabeth schon immer — sie wußte selber nicht weßhalb — eine fast unüberwindliche Scheu gehabt. War es vielleicht, weil der Mann mit den dünnen blassen Lippen, den spärlichen Haaren und den scharfen grünen Augen immer lächelte, — er sah gar so unheimlich dabei aus, und vor ihm und seinem Inquiriren sollten die Gefangenen auch die meiste Furcht haben.