Die Frau Professorin hatte übrigens die Plätze bestimmt, und so kam Klara nicht neben ihren Bräutigam, sondern zwischen Berthus und den Justizrath zu sitzen, Berger dagegen zwischen Rosa und Elisabeth, sie selber aber zwischen den Justiz- und Medizinalrath, und das Gespräch wollte im Anfang nicht recht fließen. Berger, sonst die Seele einer solchen Gesellschaft, war einsylbig, — hatte ihn der so plötzliche und unerwartete Besuch aus Hoßburg beunruhigt? — er unterhielt sich nur wenig mit seinen Nachbarinnen, und gab selbst auf einzelne von Rosa’s Fragen zerstreute Antworten, Berthus dagegen brachte Alles wieder in das alte Geleise, und mit einem ganz unerschöpflichen Humor nicht allein seine beiden Nachbarinnen zum Lachen, sondern bald auch Leben in den ganzen kleinen Kreis.

Der Justizrath konnte am wenigsten von Allen in Gang kommen, denn der verzweifelte Assessor hatte ihm jede nähere Auskunft verweigert, und er befand sich in einer etwa der ähnlichen angenehmen Aufregung, wie Jemand, der auf einer mit einer angezündeten Lunte versehenen Pulvertonne sitzt und nun nicht genau weiß, wann die Geschichte platzt. Das machte ihn auch entsetzlich einsylbig gegen die an seiner Rechten sitzende Braut, denn er wußte nicht allein nicht über was in aller Welt er sich mit ihr unterhalten sollte, sondern fürchtete auch noch außerdem jeden Augenblick, daß er sich verrathen und sie vor der Zeit alarmiren würde.

Berger war das nicht entgangen; sein Blick flog wenigstens, — wenn auch im Gespräch mit einer seiner Nachbarinnen oder den Scherzen des ‚kleinen Professors‘ lauschend, immer dann und wann zu Elisabeth’s Vater hinüber, und ein paarmal wandte er seinen Blick unwillkürlich der Thür zu, als er sah, wie dessen Auge unruhig dort hinüberflog, als ob er noch Jemanden erwarte.

Berthus hatte das ebenfalls bemerkt, da aber Klara zwischen ihm und dem Justizrath saß, sah er sich nicht im Stande, diesem ein Zeichen zu geben, und mußte der Sache eben ihren Lauf lassen. — Es lag überhaupt ‚der Schatten nahender Ereignisse‘ auf der ganzen kleinen Gesellschaft, denn auch Professor Perler und seine Frau fühlten sich gedrückt, und Elisabeth mußte sich Gewalt anthun, um nur ihre Aufregung zu verbergen. Berthus allein schien von alle dem Nichts zu empfinden und wußte mit einer Gewandtheit die übrigen Tischgenossen bald an der, bald an jener Seite der Tafel in das Gespräch mit hinein zu ziehen, die Nichts zu wünschen übrig ließ.

Klara’s Bräutigam, überdieß schon durch den vorher genossenen Wein aufgeregt, hatte auch bald jedes vielleicht unbehagliche Gefühl abgeschüttelt. Was den Justizrath von Hoßburg noch einmal hierhergeführt? — er war doch jedenfalls nur seiner Tochter zur Begleitung mitgekommen, und wie Klara und Elisabeth aneinander hängen, wußte er ja gut genug, und freute sich nicht darüber. — Aber auch das war bald überstanden und er selber morgen um diese Zeit schon frei von all’ den gesellschaftlichen Banden, die ihn hier fesselten, heute konnte er sie deßhalb noch recht gut einmal über sich ergehen lassen. Er wurde auch selber wieder heiterer, indem er auf Berthus’ Scherze und Anekdoten einging, und das Diner wurde ohne weiteren Zwischenfall beendet.

Als man die Früchte auftrug, brachte der Professor noch eine besondere Sorte feinen Rauenthaler Ausbruch, von wirklich vorzüglicher Güte, und Berthus besonders, der ordentlich ein wenig ausgelassen war, als ob ihm der starke Wein in den Kopf stieg, machte schon einen Versuch zu singen, hielt aber wie erschreckt inne, als sein Blick auf die Damen fiel. Da gab die Frau Professorin das Zeichen für diese zum Aufstehen und sagte dabei: „Da wir doch keinen Theil am Trinken nehmen, wollen wir die Herren lieber sich selber überlassen. Wenn ihr den Kaffee nachher wünscht, Kuno, so bitte, läutet nur, und er wird dann in die Laube gebracht.“

„Gut, mein Kind,“ sagte der Professor, — „ein halbes Stündchen kann es aber immer noch dauern.“

„Uebereilt euch nicht; wir machen indessen eine kleine Promenade.“

Sobald die Frau Professorin aufstand, hatte Berthus einem Lohndiener, der in Livree die Gäste bedienen half, einen Wink gegeben. Dieser trat nur an die Thür, öffnete sie halb, sah hinaus und meldete dann gleich: „Madame Belchamp wünscht die Frau Professorin zu sprechen.“