„Merkwürdig,“ sagte Berthus, indem er die Traube wieder aufhob, „was Kinder oft für Idiosynkrasieen haben.“ Sein Blick suchte dabei Elisabeth; aber er sah nur noch, wie sie, Klara fest an sich pressend, mit dieser in den Garten hinaus drängte, und die Professorin selber, die vielleicht fürchtete, daß der nächste Moment schon zu einer Entscheidung führen könne, ergriff Madame Belchamp’s Hand und geleitete diese, die ihr weinendes Kind aufgenommen hatte, durch den Salon in den Garten.
Berger selber stand im ersten Augenblick verdutzt, denn wenn er auch das Erschrecken des Kindes vor seinem Anblick gar nicht beachtet hatte, so fühlte er doch in dem ganzen Auftreten der fremden Dame, in dem Benehmen der Professorin selbst, daß hier etwas Außergewöhnliches vorging, wenn er auch vielleicht noch keine Ahnung hatte, wie nahe es ihn selber betraf.
Sogar der Professor war außer Fassung gebracht, und sein Blick haftete düster auf dem jungen Mann. Berthus schien in der That der Einzige, der seine volle Ruhe bewahrte, oder vielmehr das Zeichen, das er selber eingeleitet hatte, nicht im Geringsten beachtete.
„Aber, meine Herren,“ rief er lachend aus, „was für ein Aufbruch? Die Damen haben uns in höchst liebenswürdiger Weise mit diesem neu heraufbeschworenen Nektar allein gelassen, und es wäre bei Gott Sünde, den Zeitpunkt nicht zu benutzen. — Was haben Sie nur, Justizrath? Sie starren ja immer gerade vor sich aus?“
Er hatte bemerkt, daß Berger’s Blick auf dem allerdings sehr aufgeregten Justizrath haftete.
„Ich? — ich —“ stammelte dieser, durch Berthus’ Ruhe wirklich selber irre gemacht, — „o Nichts — die Dame war uns —“
„Hahahaha, alter Schwede,“ lachte der kleine Assessor, dessen Gesicht von dem genossenen Wein glühte, „hat Ihnen die hübsche Dame gefallen? — allerdings eine allerliebste Figur. Wie schade, daß uns die Frau Professorin nicht einmal vorgestellt, — aber nachher, beim Kaffee, — jetzt bitte, lieber Perler, lassen Sie die Flasche noch einmal herumgehen. — Ihre Plätze, meine Herren, — bitte, nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, — nicht wahr, Berger, das ist ein ganz famoser Stoff, den wir eigentlich nur dem Besuch des Justizraths zu danken haben, denn bis jetzt hat ihn Perler noch nicht herausrücken mögen, heh?“
Die Herren hatten ihre Plätze wieder eingenommen; in dem Justizrath stieg aber plötzlich ein ganz eigener Verdacht auf, der ihn nicht wenig beunruhigte. Berthus nämlich, — wie er recht gut wußte, sonst gar nicht an spirituöse Getränke gewöhnt, hatte heute dem starken und schweren Wein außerordentlich lebhaft zugesprochen und viel — sehr viel getrunken, — wenn es zu viel gewesen wäre und er dadurch vielleicht Alles gefährdete, — ja vielleicht sogar im Rausch plauderte? Er bog sich, — da der Platz zwischen ihm und dem Assessor frei geworden, zu diesem über und flüsterte ihm ein paar Worte zu, — Berthus lachte.
„Kein Gedanke daran, Justizräthchen,“ rief er zurück, „unser Wirth nimmt mir das nicht übel, — wie, alter Junge? Fidel müssen wir sein — kreuzfidel, das ist die Hauptsache, alles Andere aber Schwindel — purer blanker Schwindel.“