Der Justizrath hatte indessen auch das kleine Mädchen befragen wollen, das jedenfalls Zeuge der ganzen furchtbaren Scene gewesen, aber das Kind war so eingeschüchtert und geängstigt, daß es in einemfort schrie und weinte und sich an seine Mutter anklammerte. Die einzigen Worte, die man aus ihm herausbrachte, waren: „Böse Mann Jeanette todtschlagen.“ Die Kleine fürchtete sich dabei vor allen Menschen, die ihr nahe kamen, und es blieb nichts Anderes übrig, als sie vor der Hand ganz in Ruhe zu lassen. Mit der Zeit brachte dann vielleicht die Mutter Näheres aus ihr heraus, was möglicher Weise einen Anhaltspunkt geben konnte.
Im Hause des Justizraths war es indessen recht unheimlich geworden, denn der Mord, da er des Justizraths ganze Thätigkeit in Anspruch nahm, bildete fast das Hauptgespräch eines wie aller Tage, und die Mädchen fürchteten sich schon, wenn sie nach Dunkelwerden den Hausflur passiren mußten. Die Töchter drängten auch den Vater, er möge mit ihnen, da der Sommer außerdem mit Macht hereinbrach, einen lang be- und versprochenen Plan ausführen, und auf einen oder zwei Monate an den Rhein gehen, aber er konnte jetzt nicht fort, denn immer verwickelter gestaltete sich die Untersuchung, die aber trotzdem nichts Bestimmtes ergab, so viel Verdachtsgründe auch nach der und jener Seite auftauchen mochten.
Aus dem Kind war Nichts herauszubringen gewesen, die Mutter hatte es selber übernommen, es allmälig zu befragen. So rasch sich die Kleine aber in der freundlichen Umgebung der eigenen Wohnung beruhigte, so fing sie doch den Augenblick wieder an zu weinen und klammerte sich an die Mutter fest, sobald diese jener Scene auch nur Erwähnung that. Es war ein „Böser Mann“ gewesen, weiter wußte sie Nichts — hatte sich um weiter Nichts bekümmert, und hörte erst auf zu weinen, wenn ihr die Mutter ein Spielzeug gab und ihre Gedanken in eine andere Bahn lenkte.
Allerdings waren nicht weniger als acht Handwerksburschen aufgespürt und eingeliefert worden, und Einer von diesen, der wirklich schielte — gestand, daß er an jenem Tage — in Begleitung eines anderen, den er aber nicht weiter kannte, und der auch nicht aufgetrieben werden konnte — in der Stadt fechten gegangen sei. In welchen Häusern er aber gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man auch nicht das geringste Verdächtige, sondern nur ein paar Groschen Kupfergeld und zerrissene Wäsche und Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein Beweis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch einige Tage in Haft, mußte ihn aber zuletzt wieder frei lassen.
Indessen war der Nachlaß der alten Dame untersucht worden, und man hatte bei ihr wohl ziemlich viel schweres Silberzeug, aber sehr wenig baares Geld und gar keine Werthpapiere gefunden, während doch konstatirt wurde, daß sie zahlreiche Coupons allmonatlich bei einem bestimmten Bankier eingelöst. Auch viele Juwelen sollte sie gehabt haben, wie einer der Juweliere in der Stadt beim Kriminalamt anmeldete, und dabei erklärte, daß er selber verschiedene Male zu der alten Dame gerufen sei, um dieselben abzuschätzen.
Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schon erwähnt, gar keine zurückgelassen, im Ofen fand man aber eine Menge verbrannter Papierasche, wo es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe, denn welches Interesse konnten die Diebe daran nehmen. Nur wenige Briefe lagen in einem kleinen oberen Gefach, und bei diesen auch ein, freilich von keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille“, der ihr Vermögen an baarem Geld und Werthpapieren auf sechzigtausend Thaler angab, und dasselbe der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses vermachte.
Man ließ allerdings noch einen Kunsttischler die verschiedenen Möbel genau untersuchen, um vielleicht ein verborgenes Fach zu entdecken, aber umsonst; der Mörder schien Alles — bis auf wenige hundert Thaler, die in einem Kommodenfach lagen, gefunden und mitgeführt zu haben, und der Verdacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben müsse, der gewußt habe, wo er das Geld zu suchen hatte, da er nur so kurze Zeit zu dem Ueberfall gebraucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner des Hauses selber auf das Sorgfältigste, doch auch hier ohne den geringsten Erfolg, und die Akten mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste der vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man vielleicht den Nummern hätte nachforschen können, geschlossen werden. Ein Schleier lag auf der dunklen That, und der Verbrecher hatte sich dem strafenden Arme der Gerechtigkeit entzogen.
In den Zeitungen waren indessen die Erben der Ermordeten aufgefordert worden, ihre Ansprüche zu erheben, aber es meldete sich Niemand, der solche auch hätte begründen können. Die Hinterlassenschaft der Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher Auktion versteigert und der Ertrag dem Fiskus überwiesen, um mit der Summe, die sich doch noch auf etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des aufgefundenen Testaments zu verfahren und sie dem Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen Zweck gesammelt worden.
Anfang September war das Alles erledigt, und den Justizrath drängte es jetzt selber, die lang aufgeschobene Reise anzutreten — war ja doch auch dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen, und die Töchter jubelten.
Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich nicht zu beklagen, daß die Damen zu lange Vorbereitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten — schon seit Monaten lag Alles fix und fertig, des Aufbruchs gewärtig, und Elisabeth und Käthchen — ihre Mutter hatten beide Mädchen vor längeren Jahren verloren und führten seitdem dem Vater das Hauswesen — jauchzten laut auf, als endlich der lang und heiß ersehnte Morgen nahte, der sie den dumpfen Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem furchtbaren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene Heimath mehr lieb gewesen, und mit doppelter Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen nicht allein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie auch dem Schauplatz der letztverlebten trüben Monde entreißen sollte. Kehrten sie dann zurück, so hatten freundlichere Eindrücke die häßlichen Bilder dieser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen überhaupt wieder andere Vergnügen und Zerstreuungen.