Die nöthigen Vorkehrungen nahmen jetzt wieder eine gute Weile in Anspruch — es mußten noch ein paar starke Stangen draußen abgehauen und herbeigeschafft werden, was immer eine längere Zeit dauerte. Müller hatte sich indessen bemüht, den Forstgehülfen zum Bewußtsein zu bringen, aber vergebens. Der Förster ließ ihm seine Flasche Branntwein hinab, daß er ihm damit die Schläfe waschen sollte, aber es half nichts — er blieb still und regungslos liegen und schien nicht zu fühlen, was um ihm her vorging.

Müller bekam auch jetzt die Spitzhacke hinab, aber das Einhauen ging nicht so leicht, als er gedacht, da er nicht ordentlich ausholen konnte. Trotzdem aber hackte er doch in etwa vier Fuß vom Boden der Höhle einen Platz ein, wo ein Mann fest stehen konnte, und bis dahin Stufen hinauf, und wie er das erst fertig hatte, gelang es ihm auch weiter oben noch einen Stand zu Wege zu bringen, von dem aus er wenigstens nachhelfen konnte.

Jetzt begann das Aufwinden des Verunglückten. Müller hatte ihm so vorsichtig als irgend möglich sein Seil unter den Armen durchgezogen, stützte ihm dann den Kopf und gab das Zeichen zum Anziehen. Es war allerdings ein schwer Stück Arbeit, aber dadurch, daß Müller unten einen festen Halt bekommen hatte und höher steigen und nachhelfen konnte, ging es doch, wenn auch freilich nur sehr langsam. Die Höhe oder vielmehr Tiefe der ganzen Spalte mochte etwa zwanzig Fuß betragen, und nur dadurch, daß der Förster oben einen starken Pflock in den Boden hatte einschlagen lassen, um den sie das Seil manchmal schlagen und dann rasten konnten, gelang es in verhältnißmäßig kurzer Zeit, den schweren Körper des bewußtlosen Mannes nach und nach so weit in die Höhe zu bekommen, daß sie ihn endlich oben an den Kleidern fassen und auf den Rand der Spalte bringen konnten. An’s Freie schafften sie ihn dann schnell. Wo es ging, wurde er dann getragen, wo es zu eng wurde, gezogen, und draußen rieben sie ihm Stirn und Schläfe mit Schnee, und suchten ihn durch alle erdenklichen Mittel wieder zum Leben zurückzubringen. Aber es blieb Alles vergeblich und ihnen zuletzt nichts weiter übrig, als eine Tragbahre herzustellen und ihn damit zur Forstei zu schaffen. Von dort sollte dann augenblicklich ein Bote in den nächsten Ort gesandt werden, um einen Wundarzt herbeizuholen.

Der Förster wollte übrigens auch den so theuer erkauften Fuchs mitnehmen, den Müller unten mit dem todten Dachshund und der Spitzhacke zusammenbinden mußte, und erst als sie das Alles oben hatten, ließ sich der junge Kreiser das Seil wieder herunter geben, schnürte sich selber daran fest, kletterte dann, so weit er eingehauen hatte, nach und wurde die letzte Strecke in die Höhe gewunden. Das Gestell blieb noch vor der Hand in der Höhle, da man keinen Augenblick Zeit versäumen wollte, um den Bewußtlosen fortzuschaffen und ihm ärztliche Hülfe zu bringen. Er kam auch nicht auf dem Weg zu sich; Leben war noch in ihm und eigentliche böse Verletzungen ließen sich nirgends an ihm entdecken. Möglich, daß auch der Sturz auf seinen Hund, der freilich dem armen Dachs das Rückgrat knickte, seinen Fall in etwas gebrochen hatte, denn wie Müller aussagte, lagen dort unten eine Menge scharfer Steine. Das Alles aber mußte der Arzt entscheiden, wenn er kam, und bis dahin konnten sie nichts für den Armen thun, als ihn eben so sorgsam als möglich nach Haus und auf sein Bett schaffen, wo er ja jede nöthige Pflege hatte.

Siebentes Kapitel.
Die Einladung.

Der Tag war damit vollständig auf die Neige gegangen und es wurde sehr spät, ehe der nächstwohnende Chirurg herbeigeholt werden konnte. Raischbach gab auch jetzt noch kein Lebenszeichen von sich, und nach geraumer Untersuchung zeigte sich denn, daß allerdings kein Knochenbruch vorhanden sei — wenigstens keiner, der sich jetzt erkennen ließ, jedenfalls aber eine Gehirnerschütterung stattgefunden habe, deren Erfolg und Entwickelung man eben abwarten müsse, denn es ließ sich darin nichts weiter thun.

Am Kopf zeigten sich allerdings einige leichte Schrammen, auch die rechte Hand war etwas verletzt, aber das Alles heilte bald wieder, sowie nur das Hauptübel gehoben worden. Für jetzt verordnete der Arzt deßhalb nur Ruhe und Schneeumschläge um den Kopf, um das Wundfieber so viel als möglich fern zu halten.

Bernhard Raischbach lag so zwei volle Tage und Nächte ohne Besinnung, und die alte Lisei wich indessen nicht von seinem Lager und pflegte ihn mit wirklich rührender Aufopferung. Sie hatte aber den jungen Mann, der immer so freundlich gegen sie war und sie nie über einer Erzählung auslachte, lieb gewonnen und nur sehr selten ließ sie sich von der Frau Försterin oder einem der Kreiser ablösen, um selber einmal ein paar Stunden zu schlafen. Sie behauptete immer, sie wäre gar nicht müde.