„Nein, wahrhaftig nicht; sie hatten gerade genug mit ihm selber zu thun gehabt, um in den dunklen Ritzen und Höhlen herum zu kriechen. Keinesfalls ging die auch weit hinein, und das Gestein war da wohl nur auseinander gerissen.“
„Und ein Rehbocksgehörn hatte er dort unten nicht gesehen, ein starkes Gehörn?“ frug Raischbach.
„Da unten? nein!“ sagte der Kreiser erstaunt. „Wie sollte das auch dahin kommen? Haben Sie etwa den Abwurf[D] von dem alten Bock gefunden? — Aber das ist ja nicht möglich, es liegt ja Schnee.“
Der Forstgehülfe schüttelte mit dem Kopf, und der Kreiser mußte jetzt erzählen, wie er gelegen hatte. „Armer Dachs!“ sagte er dabei, als er hörte, daß er mit dem Kopf gerade auf seinen eigenen Hund gestürzt sein mußte, was freilich den Fall gebrochen hatte.
„Und das Gestell, das sie gebaut, war noch in der Höhle?“
„Gewiß — was lag an den paar Stangen Holz, und es arbeitete sich verwünscht schlecht in dem engen Loch.“
Der Kranke legte sich auf sein Kissen zurück, und da Müller glaubte, daß er vielleicht schlafen wolle, verließ er leise das Zimmer.
Von dem Tag an erholte sich Raischbach außerordentlich rasch. Schon am nächsten Morgen konnte er aufstehen und im Zimmer herumgehen, und wenn ihn auch die Glieder noch schmerzten, denn er sah am ganzen Körper braun und blau aus, war er doch im Stande, sich frei zu bewegen, und hatte die gewisse Ueberzeugung, daß er keine böse Verletzung, besonders keinen Knochenbruch, davon getragen. — Acht Tage später war er wieder im Wald, und langsam, mit der Büchse unter dem Arm, schlug er unwillkürlich die Richtung nach der Stelle ein, an welcher er damals verunglückt. Aber er durfte jetzt noch nicht wagen die eigentliche Höhle selber zu betreten, dazu waren ihm die Glieder noch nicht wieder gelenk genug — nur den Platz wollte er sehen und — wieder einmal in der Nähe sein, und als er sich dort umgeschaut, kehrte er nach Haus zurück. Wie er aber den Hang hinaufstieg, was ihm noch immer ein wenig schwer wurde, so daß er sich oft hinsetzen und ausruhen mußte, raschelte plötzlich etwas im Laub, und als er unwillkürlich seine Büchse in die Höhe nahm, stand der alte Bock, dem er so oft nachgegangen, auf kaum dreißig Schritt ruhig und breit vor ihm und sicherte nach einer ganz andern Richtung hinüber; er hatte ihn gar nicht bemerkt.
Raischbach lachte still vor sich hin; wie manchen Pirschgang hatte er dem Bock zu Liebe gemacht, und wie genau kannte er ihn an dem breiten Kopf und kurzen Hals — und immer und immer vergebens; und jetzt, da er ihn nicht brauchen konnte, denn er hatte ja in dieser Zeit sein prachtvolles Gehörn abgeworfen und ging kahl umher, stellte er sich breit vor ihn hin und schien so vertraut, wie nur möglich. — In dieser Jahreszeit war nichts mit ihm anzufangen, und der Forstgehülfe hob die Hand und winkte ihn ab. — Im Nu bemerkte auch der Bock die Bewegung, warf scheu den Kopf herum, sah den gefürchteten Feind dicht vor sich, schreckte mit lauter tiefer Stimme und war dann mit einem Satz im Dickicht verschwunden, wo ihn der Forstgehülfe noch konnte weitab durch die Büsche brechen hören.
So mochten vierzehn Tage vergangen sein — es war bitterkalt geworden, lag aber nur wenig Schnee — als Raischbach den Kreiser Müller eines Morgens bat, ihn zu begleiten und — das Seil mitzunehmen, dem Förster aber nichts davon zu sagen. Er wolle sich, wie er meinte, nur einmal den Platz selber ansehen, in den er damals hinabgestürzt. Müller machte allerdings Einwendungen, da er ihn aber versicherte, daß gerade die Holzmacher da unten arbeiteten und sie jede Vorsicht gebrauchen würden, um ein Unglück zu vermeiden, ließ er sich endlich überreden, und die Beiden traten ihren Marsch an.