An Ort und Stelle angekommen, wurde in der That jede nur mögliche Vorsicht gebraucht, und Raischbach ließ sich nun selber, mit einer wieder hergestellten Kienfackel, in den Spalt hinunter. Der Platz lag aber öde und kahl. Nur die alten Blutspuren fand er noch vor, wo der Fuchs gelegen, und vergebens leuchtete er nach etwas Anderem darin umher. Aber er begnügte sich damit noch nicht, sondern wollte auch in die in den Berg führende Felsspalte eindringen, mußte das aber bald wieder aufgeben, denn kaum zwei Schritt darinnen wurde dieselbe so eng, daß er sich gar nicht mehr hindurchpressen konnte — dort ging auch wieder eine tiefe Kluft hinunter und er mußte zuletzt den Versuch aufgeben. Ein Mensch konnte dort nicht einpassiren.

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So verging der Winter; der Schnee schmolz, das Frühjahr brach mit seinen tausend Knospen aus — der Auerhahn balzte, die Schnepfe strich, die Rehböcke hatten wieder frisch aufgesetzt und die Zeit rückte heran, wo schon ein Grashirsch geschossen werden konnte. Es war Juni geworden und im Walde klang und jubelte es von der munteren Vogelwelt.

Raischbach sah das Alles an sich vorübergehen, ohne Theil daran zu nehmen. Er war seit jenem Sturz nicht mehr der lustige, fröhliche Waidmann wie vordem, sondern still und einsilbig geworden und schien es am Liebsten zu haben, wenn man ihn ruhig in irgend einer Ecke sitzen und seinen Gedanken nachhängen ließ. Anfangs glaubte der alte Förster auch, es sei das noch alles eine Folge des Sturzes, der ihm doch vielleicht das Gehirn mehr, als man früher geglaubt, erschüttert haben mochte. Dies schien aber nicht der Fall; er klagte auch nie über Kopfschmerzen oder Schwindel und befand sich körperlich vollständig wohl. Was ihm aber auf dem Herzen lag, darüber sprach er mit Niemanden, ging jedoch dabei seiner Pflicht auf das Eifrigste nach und versäumte oder vergaß nie etwas.

Sein liebster Pirschgang, wenn es ihm nur immer seine Beschäftigung erlaubte, blieb aber nach jenem Revier, in welchem der Fuchsbau lag, und der Förster neckte ihn oft darüber, daß er den alten Bock noch nicht vergessen könne — aber Raischbach dachte an Anderes als den Bock — er wollte dem Mädchen wieder begegnen, das er damals an jener Stelle getroffen, und mußte — immer und immer wieder in seiner Hoffnung getäuscht — den Heimweg antreten.

Hatte er denn jenes Begegnen auch nur geträumt? Es wurde ihm manchmal ganz wirr im Kopfe und er saß dann oft stundenlang still und regungslos im Wald, stützte die heiße Stirn mit beiden Händen und sann und sann.

So war er auch eines Tages wieder draußen gewesen — gerade an einem solchen Tag wie damals, als er das wunderliebliche Mädchen im Wald getroffen, und hatte stundenlang oben am Rand des Grundes gesessen und hinabgesehen, als ob er sie gerade dort an der unheimlichen Stelle erwarte. Umsonst, kein lebendes Wesen regte sich, einen Geier ausgenommen, der über ihm in der Luft kreiste und dann und wann seinen scharfen Schrei ausstieß. Er bekam es endlich satt — der Mond war auch schon lange aufgegangen, und er mußte an den Heimweg denken.

Es war völlig Nacht, ehe er das Forsthaus erreichte, und er wunderte sich, die untere Stube so hell erleuchtet zu sehen, denn sonst brannte Abends immer nur die ziemlich trübe Lampe, bei der die Frau Försterin und die alte Lisei spannen und der Förster noch seine Dampfwolken dazwischen blies.

„Merkwürdig,“ dachte er bei sich, „was die nur heute da drinnen haben — ob Besuch angekommen ist? Aber woher — wer soll uns hier im Wald besuchen? Wenn ich’s nur wüßte, so machte ich gleich, daß ich oben in meine Kammer käme und ließe mich vor keinem Menschen mehr heut Abend sehen. Hunger hab’ ich doch nicht, und meine Suppe kann mir die alte Lisei auch später heraufbringen.“