„Hoho!“ rief da der alte Oberförster, „unsere wilde Hummel, die, wie mir scheint, den ganzen Wald geplündert hat, um sich einen Kranz daraus zu flechten.“
„Ja, und Bergnelken auch,“ sagte die Frau Oberförsterin, „und da bist Du wieder an dem steilen Hang hinaufgeklettert, was Dir der Onkel schon so oft verboten hat, denn das ist der einzige Platz, an dem sie hier in der Nähe wachsen.“
„Aber heute, an Mariens Ehrentag, durften sie doch nicht fehlen!“ lächelte das junge Mädchen.
„Ist das eine Nichte von Dir, Böckler?“ frug ihn Buschmann.
„Fräulein Margareth Böckler, meines Bruders, des Försters Böckler in Schmalkalden, ehrsame, aber etwas sehr wilde Tochter,“ stellte sie der Alte vor, „die uns schon einmal vor etwa einem Jahr besucht hat und jetzt zur Trauung meiner Marie wieder herübergekommen ist. — Hier, Grethel, Herr Förster Buschmann mit Frau, und den neugebackenen Förster Raischbach kennst Du ja wohl schon, denn Du wußtest wenigstens seinen Namen.“
War das junge Mädchen schon vorher etwas verlegen gewesen, so goß sich ihr jetzt plötzlich tiefe Röthe über Wangen und Nacken, aber trotzdem lächelte sie und sagte schelmisch: „Der Herr Förster hat sich mir einmal selber im Walde vorgestellt, als ich mich verirrt hatte und nicht mehr wußte, wohin ich mich wenden sollte.“
„Da bist Du an den Rechten gekommen,“ lachte der Oberförster, „der spürt alles Fremde auf, was in sein Revier kommt, und daß er Dich damals nicht gepfändet hat, ist ein reines Wunder.“
Raischbach konnte kein Wort erwiedern, es war, als ob ihm Jemand die Kehle zuschnüre; aber die alte Dame kam ihm zu Hülfe, denn die Gäste konnten unmöglich den wohl viertelstündigen Weg in die Dorfkirche antreten, ohne vorher, nach ihrem langen Marsch, einen Imbiß genommen zu haben. Stand doch auch Alles schon seit frühem Morgen dazu bereit, und dem Nöthigen zum Essen und Trinken mußte jetzt jede andere Unterhaltung weichen.
Dann ordnete sich der Zug zur Kirche, nach altem Gebrauch. Voran der Bräutigam mit der Braut. Hinter diesen der Oberförster und Margareth als Brautführer, dann die Uebrigen, wie sie sich eben zusammenfanden, mit jungen Mädchen aus dem Dorf, die herübergekommen waren, um Marie abzuholen. Die Trauung selber dauerte allerdings etwas lang, da es der Dorfgeistliche für seine Pflicht hielt, ehe er zu der wirklichen feierlichen Handlung überging, den beiden Brautleuten einen kurzen Ueberblick von der Erschaffung der Welt und der ganzen biblischen Geschichte zu geben; aber sie nahm doch auch ein Ende, und nun begann der fröhliche Heimzug und das Hochzeitsmahl im Försterhause, bei dem der große eichene Tisch unter der Last der aufgetragenen Speisen ordentlich ächzte.
Also deßhalb hatte Raischbach das Mädchen in der ganzen Zeit nicht gesehen — nur zum Besuch war sie damals da gewesen, und jetzt erst in den „Bau“ zurückgekehrt? Und wie freundlich sie gegen ihn war — aber auch wie scheu, denn sie wich ihm aus, wo sie immer konnte, und doch gestand sie ihm noch an demselben Nachmittag, daß sie am Morgen auf dem Fußpfad oben am Hügel gewesen wäre und gesehen hätte, wie sie „von drüben herüber“ kamen. — Hatte sie ihn wirklich erwartet? — o, wie glücklich wäre er gewesen, wenn er das hätte glauben dürfen.