Das Mittagessen war vorüber, und Abends wurde natürlich ein kleiner Ball arrangirt, wenn man auch nur einen Geiger und einen Flötenbläser zum Musikkorps hatte. Raischbach tanzte fast nur mit Margarethen — wie lieb er schon den Namen hatte — und als sie den Heimweg endlich antraten, da Buschmann nicht bewogen werden konnte, im „Bau“ über Nacht zu bleiben, gingen ihm so viele Dinge im Kopf herum, daß er fast wie ein Trunkener durch den Wald schwankte und von seinem alten Förster weidlich ausgelacht wurde, da er, statt den Pfad zu der Forstei einzuschlagen, in den schmalen Weg bog, der nach dem Fuchsbau hinüberführte.
Innerhalb drei Tagen, so lautete das Schreiben, das ihm seine Beförderung angekündigt hatte, sollte er sich bei dem Oberforstamt melden, um dort seine definitive Anstellung als Förster entgegen zu nehmen — wie kurz war die Zeit, die er da auf seine eigenen Angelegenheiten verwenden konnte, denn fast zu der nämlichen Frist mußte Margareth, wie sie ihm an dem Abend gesagt, nach Hause zurückkehren. Aber Raischbach war nicht der Mann, der sich eine einmal aufgespürte Beute so leicht hätte entgehen lassen.
Schon am nächsten Tag, da ihn sein Dienst jetzt nicht mehr an die Forstei band, wanderte er wieder nach dem „Bau“ hinüber, und es war erst spät Abends, als er von dort zurückkehrte — so spät, daß er Buschmann nicht einmal mehr sprechen konnte.
Am nächsten Tag mußte Margareth heimwärts reisen und Raischbach ebenfalls seinen Marsch antreten, um zur rechten Zeit beim Oberforstamt einzutreffen. Hier wurde er sehr freundlich begrüßt, und da erst vor kurzer Zeit eine recht gute Forstei erledigt worden, rückte er mit einem Gehalt, der seine kühnsten Hoffnungen noch überstieg, in dieselbe ein.
Buschmann’s hörten von da ab, da sein neuer Wohnplatz sehr entfernt von ihnen lag, lange nichts mehr von ihm, und nicht einmal geschrieben hatte er, obgleich er ihnen das fest versprochen; aber du lieber Gott, Buschmann war ihm deßhalb nicht böse, denn er wußte gut genug aus eigener Erfahrung, wie ungern Jäger — wenn nicht dazu gezwungen — eine Feder in die Hand nehmen und einen Brief fertig bringen. Es ist etwas Unnatürliches und wird eben so lang als irgend möglich hinausgeschoben.
So war fast ein volles Jahr vergangen, als eines Tages, es war ein Sonntag, und der alte Förster deßhalb sicher zu Hause, ein kleiner, leichter Einspänner, dessen Kutscher ganz entsetzlich mit der Peitsche knallte, den Waldweg herauffuhr.
Wenn es nun etwas in der Welt gab, was Förster Buschmann nicht leiden konnte, so war es Peitschenknallen oder überhaupt irgend ein Lärm im Wald, der, wie er manchmal äußerte, sein feierliches Schweigen bewahren müsse, oder es sei eben kein Wald mehr, sondern nur ein Bauernholz. Seinen Holzfuhrleuten war es deßhalb auch auf das Strengste verboten, und er litt es überhaupt von keinem durchziehenden Kärrner, ohne wenigstens entsetzlich grob zu werden und ihnen auch gar nicht selten zu drohen, daß er ihnen „die Peitsche aus der Hand schießen würde“. — Das half gewöhnlich, denn da die Leute nicht glaubten, daß er den dünnen Peitschenstiel treffen würde, so war es nachher vollkommen unsicher, wohin die Kugel schlagen könne, und sie unterließen es wenigstens in seiner Nähe.
Buschmann saß gerade vor dem Haus unter der alten Linde und trank mit seiner Frau Kaffee, denn der neue Forstgehülfe, den er hatte und den das Leben auf der einsamen Forstei langweilte, war in den nächsten Ort zu Bier gegangen. Da hörte er das ganz unsinnige Peitschenknallen des Einspänners, der sich jedenfalls nur hierher verfahren hatte und nun den lästerlichen Skandal machte, um Jemanden herbeizurufen und auf den rechten Weg gebracht zu werden. Der kam dem Alten aber gerade recht, denn er war just nicht in besonderer Laune und hatte sich schon irgend etwas gewünscht, an dem er seinen Grimm auslassen konnte. Zuerst fuhr er empor und horchte; wie er sich aber über den Laut nicht mehr täuschen konnte und der Einspänner auch bald darauf in Sicht kam, sprang er auf, rannte ihm entgegen und überschüttete nun den Kutscher mit einer solchen Fluth von Verwünschungen und Flüchen, daß das Pferd fast scheu wurde und der arme Teufel bestürzt auf seinem schmalen Bock saß. Es sah auch in der That so aus, als ob der alte Mann jeden Augenblick über ihn herfallen werde, und kräftig genug schien er, um das ganze Gefährt in den Busch zu werfen.
„Hurrah!“ jubelte da plötzlich in den Ingrimm hinein eine laute lachende Stimme, „hab’ ich’s mir doch gedacht, daß er beim Peitschenknallen wie der Bock auf’s Blatt anläuft — Hurrah, Vater Buschmann, kennen Sie mich nicht mehr?“
Und heraus aus dem Wagen sprang Raischbach und schüttelte dem erstaunten alten Mann herzlich die Hand. Dieser aber, so sehr er sich freute, seinen alten Forstgehülfen wieder begrüßen zu können, sagte ihm kaum ein Wort, denn er bemerkte jetzt erst, daß er nicht allein in dem Einspänner gesessen habe. Eine jugendliche schlanke Frauengestalt sprang hinter ihm her aus dem kleinen Wagen und mit einem Freudenruf auf ihn ein: „Herr Förster Buschmann!“