„Der hat verloren,“ lächelte ein Elegant mit einem spitzen Schnurr- und Knebelbarte — „aber er scheint noch ein Neuling zu sein, denn einem alten Spieler würde man es nicht ansehen dürfen.“

„Armer junger Mensch,“ flüsterte die eine Dame mitleidsvoll.

„Bah — weshalb spielt er,“ sagte der Erste wieder; „aber lassen Sie uns eintreten, meine Damen, wir bekommen sonst keinen Platz am Tische.“

Die Gesellschaft verschwand im Saale und der junge Spieler — so wenig seiner selbst bewußt, daß er nicht einmal den Hut draußen aufsetzte, sondern ihn noch immer in der Hand behielt, schnitt quer durch die Stühle und Tische am Promenadenplatze hin, rechts an den Kurgebäuden vorüber, der kleinen eisernen Brücke zu, die über die Lahn nach dem anderen Ufer hinüberführte.

Dicht vor der Brücke überholte er einen ältlichen Herrn mit zwei Damen, aber er sah oder beachtete sie gar nicht. Mit raschen Schritten eilte er über die Brücke, bis er etwa die Mitte derselben erreicht harte, warf dort zuerst einen Blick über das Geländer in die Fluth hinab, dann sah er sich wie scheu um, ließ plötzlich seinen Hut fallen, ergriff das Geländer mit beiden Händen, schwang sich hinauf und verschwand im nächsten Augenblicke in der über ihm zusammenschlagenden Fluth.

Die beiden Damen, welche indessen mit ihrem Begleiter ebenfalls die Brücke betreten hatten und unmittelbare Zeugen des Ganzen gewesen waren, stießen einen lauten Schrei aus, und sahen nur noch, wie vom anderen Ende der Brücke ein junger Mann, der den Vorgang ebenfalls bemerkt haben mußte, im flüchtigen Laufe herbeiflog, an der Stelle angelangt ohne Weiteres seinen Strohhut zu Boden warf, seinen Rock abstreifte, und sich dann, ohne auch nur einen Moment zu zögern, ebenfalls von der Brücke hinab in die Lahn warf.

Die beiden jungen Damen eilten jetzt der Stelle zu, um zu sehen, ob das Rettungswerk des wackeren Helfers gelingen würde; der ältere Herr dagegen, der die Sache viel kaltblütiger zu nehmen schien, folgte ihnen weit langsamer und blieb endlich am unteren Geländer stehen, um den Verfolg des kleinen Abenteuers von dort, wo er sich gerade befand, zu beobachten.

Uebrigens schien die verzweifelte That des Unglücklichen von beiden Ufern des kleinen Stromes aus gleichzeitig bemerkt zu sein, denn von beiden Seiten eilten Leute herbei und aus dem dicht am Ufer stehenden Polizeigebäude sprangen ein Paar Polizeidiener hinab und in ein dort befestigtes Boot, um wo möglich den Selbstmord zu vereiteln. Sie wären aber doch vielleicht zu spät gekommen, hätte der junge Fremde, der ein rüstiger Schwimmer schien, nicht den Unglücklichen schon gefaßt und, trotz seines Sträubens, über Wasser gehalten. Vergebens aber suchte er mit ihm das dort außerdem hoch ummauerte Ufer zu erreichen, und dabei kam ihm denn endlich das Boot zu Hülfe. Rasch erfaßte er dessen Rand und hielt jetzt den Unglücklichen so lange, bis ihn die beiden Diener der öffentlichen Sicherheit ebenfalls ergreifen und in das Boot ziehen konnten. Der Fremde folgte dann nach, und etwas weiter unterhalb landeten sie, um jetzt den jungen verzweifelten Menschen, der aber nicht den geringsten Widerstand mehr leistete, auf die Polizei abzuführen, damit er sich dort verantworte.

Wenn ihm die Sicherheitsbehörde auch das volle Recht eingeräumt oder doch wenigstens in der Spielhölle die Gelegenheit geboten hatte, über sein eigenes oder anvertrautes Geld zu verfügen, so schien sie ihn vollständig mit der Gewalt über sein eigenes Leben beschränken zu wollen. Er hatte zu einem Selbstmorde in Nassau keine polizeiliche Erlaubniß.