„Nehmen Sie den innigsten Dank, mein gnädiges Fräulein, für Ihre unendliche Liebenswürdigkeit.“
„Bitte, mein Herr — es war“ — stammelte die junge Dame — nicht dem Fremden, sondern ihrem älteren Begleiter verlegen gegenüber, denn sie sah, daß sich dieser die größte Mühe gab, sein Lachen zu verbeißen. Er befreite sie aber auch ohne Weiteres aus dieser Lage, indem er ihr seinen Arm reichte und sie, mit einer leisen Neigung des Kopfes gegen den Fremden, über die Brücke hinüberführte.
Dieser blieb indessen, ganz in das Anschauen der holden jungen Dame versunken, mitten auf der Brücke stehen, und sah ihnen nach, soweit er ihnen mit den Augen folgen konnte. Endlich fing es ihn aber doch an in den nassen Kleidern zu frösteln; die Zähne schlugen ihm zusammen, und da sich auch weiter Niemand um ihn bekümmerte — war doch der Gerettete eine viel interessantere Persönlichkeit, als sein Retter — so setzte er seinen Hut auf, nahm den Rock in die Hand und schritt, so rasch er konnte, am Kurhause vorbei und seiner eigenen Wohnung zu, die Straße hinab.
Ein so wohlthuendes Gefühl es ihm aber auch hätte dabei sein müssen, ein Menschenleben gerettet zu haben, so überließ er sich sonderbarer Weise doch weit weniger diesem angenehmen Gedanken, sondern beschäftigte sich entschieden nur mit seinem augenblicklichen Zustand.
„Den Teufel auch,“ brummte er leise vor sich hin, „da muß mich der Böse plagen, daß ich gerade über die Brücke komme, wie der Holzkopf in’s Wasser springt — und ich hinterher. Wer von uns Beiden war nun der Dümmste? — Jedenfalls ich, denn er mußte einen Grund dafür haben und mich ging die ganze Geschichte eigentlich gar Nichts an. Und was habe ich jetzt davon? — Mein einziges gutes Paar Hosen auf unbestimmte Zeit gründlich ruinirt, und meine Stiefeln — na ja — ob ich es mir nicht gedacht habe: da klafft das ganze Oberleder weit auf und jetzt kann ich mich nur zwei Tage in’s Bett legen, bis mich Schuster und Schneider erst wieder restaurirt haben — und nachher die Rechnung in dem theueren Neste. Das geschieht Dir aber Recht, Florian — ganz Recht geschieht Dir’s, denn Du mußt Deine Nase in Allem haben, und wenn sie Dir nun indessen Deine Brieftasche mit Deinen letzten zehn Thalern gestohlen hätten, heh? — was dann? hättest Du Dich bei irgend Jemandem beklagen dürfen? Aber jener schützende Engel! — beim Himmel, wie aus Rosenduft und Lilienthau gewoben — noch ein Ideal! Heiland der Welt, wie viel Ideale habe ich eigentlich schon, und immer wieder taucht ein neues auf, und eins schöner und holdseliger als das andere. — Aber was nützt mir’s,“ setzte er nach einer kurzen Pause niedergeschlagen hinzu — „mir hilft’s doch Nichts, denn das ist jedenfalls irgend eine junge Comtesse oder Prinzessin, wie sie hier zu Dutzenden incognito herumlaufen, die mir aus reiner Gutmüthigkeit meinen Rock aufgehoben. — Jetzt geht sie denn in aller Gemüthlichkeit zu ihrem Diner, und denkt gar nicht mehr an den armen Teufel, und ich — madennaß wie ich bin, darf mich nicht einmal vor Jemandem sehen lassen. Das einzige Gute ist, daß mir heute Niemand gesegnete Mahlzeit zu wünschen braucht.“
Es wurde in der That nöthig, daß sich der junge Mann von der Straße entfernte, denn sein wunderlicher Aufzug theils, theils sein halblaut geführtes Selbstgespräch hatte schon eine Anzahl von jugendlichen Gestalten herbeigelockt, die anfingen, sich über ihn zu amüsiren. Seine Vorahnung schien sich auch zu bestätigen. Nur spärlich mit Garderobe ausgerüstet, mußte er in der That zwei volle Tage, wenn auch nicht gerade das Bett, doch sein Zimmer hüten, um seine Beinkleider und Stiefeln erst wieder in Stand zu bekommen, und erst am dritten Morgen durfte er wagen, sich auf’s Neue auf der Promenade sehen zu lassen.
Florian Heldenstern war übrigens nicht nach Ems gekommen, um eine Kur zu gebrauchen, ebensowenig, um sich zu amüsiren, denn — seine Mittel erlaubten ihm das nicht. Florian Heldenstern hatte aber trotzdem einen Zweck, und zwar einen literarischen, denn seinem Stande nach gehörte er zu den „Rittern vom Geiste“. Er war mit einem Worte Dichter, und machte hier — im Auftrag eines größeren Blattes, um Correspondenzen zu schreiben und vielleicht auch Stoff zu kleineren Erzählungen zu sammeln — Studien in der Badewelt, die ihm den Hintergrund zu seinen Novellen liefern sollten.
Einen eigentlichen Stoff hatte er freilich noch nicht; es fehlte ihm zu spannenden Novellen weiter Nichts, als piquante Persönlichkeiten und Verwickelungen; aber er hoffte das Alles hier zu finden und quartierte sich zu dem Zwecke in einem der billigsten Gasthöfe des etwas kostspieligen Ortes, im Hôtel Wolf, ein. Vergebens aber durchstreifte er die ersten acht Tage den Spielsaal, wie die benachbarte Umgebung, drängte sich in Picknicks und geschlossene Gesellschaften, erkletterte steile Bergrücken und langweilte sich halbe Nächte lang in den Concerten des Kursaals. Er konnte nichts Außergewöhnliches finden, denn Alles ging sein gewohntes alltägliches Geleis, was nicht regelmäßiger in irgend einer kleinen deutschen Provinzialstadt betreten werden konnte.
Morgens war Musik und die Kurgäste gingen dabei spazieren und tranken schlechtschmeckendes Wasser mit oder ohne Eselsmilch. Dann zog sich Alles in seine Apartements zurück oder machte Partieen. Ueber Mittag schien der Platz wie ausgestorben, und erst Abends bewegte sich die schöne Welt in exquisirter Toilette vor dem Kurhause auf und ab und füllte die Promenaden und Spielsäle, ohne irgend welche Leidenschaft zu zeigen.
Selbst am grünen Tische hatte er vergebens auf der Lauer gelegen, um irgend etwas Außergewöhnliches zu entdecken. Bei völliger Todtenstille wurde gesetzt und abgezogen und Gewinnst eingestrichen oder Verlust ignorirt. Keiner verzog eine Miene, und daß sich französische freche Loretten dazwischen drängten und für ihr oder anderer Leute Geld pointirten, bemerkte er wohl, konnte es aber nicht benutzen, da es schon zu oft beschrieben worden.