Da kam ihm, wie ein Gott gesandt, der versuchte Selbstmord des unglücklichen Spielers, dessen eigentliche Pointe aber seine eigene Gutmüthigkeit vollständig ruinirte. Er vergaß in dem Moment nicht allein sein eigenes Interesse, sondern sogar sich selbst, sprang über die Brücke, brachte den Ertrinkenden, über dessen Leiche er die interessantesten, bogenlangen Betrachtungen hätte anstellen können, lebendig ans Ufer zurück und besaß jetzt nicht einmal ein Paar Hosen und Stiefeln, um auf frischer That Nachforschungen über das Schicksal des Unglücklichen anzustellen und aus dessen eigenem Munde seine Lebensgeschichte zu erfahren.
Sein erster Ausweg, wie er sich wieder restaurirt sah, galt allerdings dem Zwecke, und er ging damit augenblicklich an die rechte Quelle: auf die Polizei. Aber er erfuhr dort nur, daß er zu spät kam. Der junge Mann war ein „Knopfreisender“ gewesen, der für die Firma So und So in Quedlinburg Geld eincassirt und dasselbe hier in Ems verspielt hatte. Da man ihm übrigens zutraute, seinen Selbstmordversuch zu wiederholen, was die „Bank“ gerade nicht gern sah, so hatte ihm diese 20 fl. Reisegeld gegeben. Dadurch kam er fort und konnte denn, wenn er es später für gut fand, seinem Leben im Rhein oder irgend einem anderen deutschen Strom ein Ende machen; Ems war jedenfalls von ihm befreit.
Florian Heldenstern verließ das Polizeiamt in einer wahrhaft verzweifelten Stimmung, denn wenigstens drei oder vier höchst interessante Kapitel waren ihm durch das Verschwinden dieses Individuums in’s Wasser gefallen. — Aber jenes schöne Mädchen, das er am Tage seines Abenteuers zum ersten und letzten Male gesehen — wenn er sie wenigstens wiederfand, so hätte das vielleicht einen Anknüpfungspunkt für weitere spannende Situationen gegeben. Wie hieß sie aber und wo wohnte sie? — Er wußte Beides nicht und es blieb ihm jetzt nichts Anderes übrig, als die Schwärme von Lustwandelnden genau zu mustern, um zwischen diesen seine verlorene Schöne wieder anzutreffen.
Das allerdings schien, gerade in Ems, nicht so schwer, da sich das Terrain für die Spaziergänger oder „Wasserläufer“, wie man sie besser nennen könnte, nur auf einen sehr kleinen Raum erstreckte. Nichts desto weniger suchte er mehre Tage lang Alles vergeblich ab, durchwanderte die Trinkhallen und den Platz vor dem Kurhause, trotzte selbst den endlosen Potpourris der Musik und stieg sogar zu den verschiedenen Ausgucks auf alle benachbarten Berge hinauf, von denen man eben so verschiedene Ansichten der kleinen Badestadt bekommt. Er begegnete dabei allerdings unzähligen und auch oft sehr hübschen Mädchen, theils in Begleitung eines Esels, theils im Sattel; er sah ländliche Familiengruppen und Berliner Picknicks, überraschte einzelne Paare beim Heidelbeersuchen und englische Gruppen, die sich einander todtschwiegen — aber die Gesuchte war nirgends unter ihnen und er glaubte schon — ja, mußte so glauben, daß sie Ems wieder verlassen hätte, um vielleicht eine Nachkur irgendwo am Rhein zu gebrauchen.
Er hatte es in der That auch vollständig aufgegeben, die „Verlorene“ wiederzufinden und fing schon an, in gereimten und ungereimten Versen für sie zu schwärmen. In der Erinnerung, während ihr Bild noch klar und deutlich vor seiner Seele stand, wurde ihm dieses letzte Ideal auch immer ideeller, immer märchen- und traumhafter. Auf der Brücke war sie ihm erschienen — sie mußte aus der Fluth zu ihm emporgestiegen sein und er begann ein größeres Idyll unter dem Titel „Die Nixe der Lahn“, wobei er sich schon überdachte, welchen Verleger er damit unglücklich machen wolle.
Einmal aber in dieses Geleis geistigen Schaffens hineingerathen, wurde er für seine wenigen Bekannten in Ems unausstehlich, denn er bemühte sich fortwährend, in Gedanken unmögliche Reime auf Nixe, Nymphe, Göttin und andere schwerfällige Worte zu finden und gab ausschließlich verkehrte Antworten auf an ihn gerichtete Fragen. Dabei saß er halbe Tage lang an dem Ufer der etwas unappetitlichen Lahn, schwärmte in der wahnsinnigen Hoffnung, daß die Geliebte mit halbem Leibe aus der Fluth emportauchen und mit einem goldenen Kamme ihr langes Haar kämmen solle, und ärgerte sich über prosaisches Volk, das ihn störte, und Brod in’s Wasser warf, um die Weißfische damit zu füttern.
Nach einer solchen Unterbrechung flüchtete er denn gewöhnlich in die Berge hinauf, um seiner Muse freien Raum zu gestatten, und war auch heute dahin auf dem Wege. Vorher nur kehrte er einmal im Schweizerhause ein, um sich durch eine Tasse dünnen Kaffee vielleicht auf seine Wassergöttin vorzubereiten; er ließ sich auch eben an einem der leer stehenden Tische nieder, als er blitzesschnell wieder emporfuhr, denn dicht neben ihm, gleich am nächsten Tische — es war keine Täuschung, denn er hätte sie unter Tausenden herauserkannt — saß seine „Nixe“ und trank ebenfalls Kaffee und neben ihr die andere, vielleicht um sechs bis acht Jahre ältere, aber auch noch sehr liebenswürdige Dame mit dem ältlichen Herrn.
Seine Schöne mußte ihn aber ebenfalls wieder erkannt haben, denn sie erröthete bis unter die Haarwurzeln hinauf und den schneeweißen Nacken hinab, und flüsterte auch gleich darauf ihrem Nachbar, dem ältlichen Herrn, etwas zu, worauf dieser sich langsam nach dem fremden jungen Manne umsah.
Florian Heldenstern fühlte sich jetzt seiner Sache gewiß, und in der unbestimmten Angst, das holde Wesen diesmal wieder so rasch zu verlieren, als das erste Mal, wenn er nicht im Stande war, seine bodenlose Blödigkeit zu bezwingen, faßte er sich ein Herz, ging auf die kleine Gruppe zu und sagte, freilich noch immer mit etwas befangener Stimme: