„Und womit?“ frug der ältliche Herr, „ich gebe Ihnen mein Wort, daß es bloße Neugierde ist, zu der auch ich mich mit einem Bruchtheile bekenne; denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich selber aus Ihrer ganzen Erscheinung nicht recht klug werden konnte, obgleich ich mir sonst einen ziemlich richtigen Blick in der Beurtheilung fremder Charaktere zutraue.“
Es lag in den leicht hingeworfenen, fast spöttischen Worten eigentlich mehr Beleidigendes als Zutrauen Erweckendes, und Florian fühlte auch wirklich halb und halb heraus, daß ihn der ältliche Herr etwas obenhin behandele. Florian’s eigene Gutmüthigkeit half ihm aber darüber hinaus, und dann war er auch wirklich im Leben noch nie verwöhnt worden, um sich durch einen leisen Spott gekränkt zu fühlen. Erfolge hatte er noch nie, oder doch nur in seinen eigenen Augen errungen, und wenn er auch einigen seiner Gedichte die riesigsten Wirkungen zutraute und die feste Ueberzeugung hegte, sie würden wie ein Weltbrand durch Europa flammen, so befand er sich dabei in derselben Lage eines Johanniswürmchens, das auch den ganzen Wald zu erleuchten glaubt, weil es sich selber fortwährend in einem lichten Scheine sieht. Deshalb durfte er aber auch diese Gelegenheit nicht versäumen, den jungen Damen seinen Namen zu nennen — sie mußten ja das Bändchen bei F. A. Brockhaus erschienener lyrischer Gedichte kennen. Er zögerte auch nicht lange mit der Antwort und sagte bescheiden, aber doch mit innigem Selbstgefühl:
„Ich bin Schriftsteller, verehrter Herr — lyrischer Dichter — und mein Name ist Florian Heldenstern. Sollten die Damen vielleicht zufällig —“
Fast unwillkürlich griff er dabei mit der rechten Hand in die linke Brusttasche, denn einzelne Manuscripte führen alle lyrischen Dichter bei sich; der fremde Herr aber, der die drohende Bewegung merkte, streckte rasch und abwehrend seinen Arm aus und sagte:
„Lassen Sie stecken — wir glauben es Ihnen auf’s Wort. Die Damen müssen Sie aber entschuldigen, wenn sie in der deutschen Literatur nicht bewandert sind, denn wir kommen aus weiter Ferne, um die Heilkraft dieses Wassers zu erproben. Sie sind doch nicht etwa Bade-Dichter?“
„Bade-Dichter?“ sagte Florian verdutzt — „ich verstehe nicht —“
„Ah, dann nehmen Sie es nicht übel,“ sagte der ältliche Herr trocken — „ich kenne Ihre hiesigen Einrichtungen nicht, und glaubte, daß Sie vielleicht, wie Sie Badeärzte, Badecommissaire und dergleichen haben, auch vielleicht, zur Verschärfung der Kur, Bade-Dichter hätten. Die Schnelle, mit welcher Sie neulich in die Lahn tauchten, rechtfertigte auch einen solchen Verdacht in etwas. Aber, wie gesagt, wir sind hier so vollkommen fremd, daß wir Ihre inneren Einrichtungen nur sehr wenig kennen.“
„Aber woher kommen Sie, wenn ich fragen darf?“ sagte Florian schüchtern, denn noch wußte er ja weder Namen noch Vaterland der ‚Lahnnixe‘, die doch sein ganzes Herz erfüllte.
„Aus Amerika,“ sagte der ältliche Herr.
„Aus Amerika?“ rief Florian erstaunt — „aber Sie sprechen das Deutsche so geläufig.“