„Warum nicht,“ lächelte die Jüngste — „uns ist das Alles doch nur neu und interessant; dieses Wogen und Drängen, dieser Putz und Staat, die Musik — das Spiel selbst mit seinen leidenschaftlichen Bewerbern, und kehren wir nach Amerika zurück, wird es uns immer eine liebe und angenehme Erinnerung bleiben.“
Das Gespräch wurde jetzt allgemein und Florian erfuhr wenigstens dabei, daß der fremde Herr Olaf heiße und im Panorama wohne. Gleich darauf kam aber ein Diener, der ihn zu suchen schien. Er flüsterte ihm in ehrerbietiger Stellung einige Worte zu und der ältliche Herr nickte langsam mit dem Kopfe. Dann stand er auf; die Damen folgten seinem Beispiele und mit freundlichen Grüßen zogen sie sich zurück, während Herr Olaf selber ihm noch die Hand reichte und viel herzlicher, als er bis jetzt gesprochen, sagte:
„Ich hoffe Sie einmal unten bei uns zu sehen — die Damen wünschen es ebenfalls.“ Damit reichte er Beiden seinen Arm und schritt mit ihnen langsam nach Ems hinab.
Florian Heldenstern blieb in einem wahren Taumel von Entzücken zurück, denn die junge Dame hatte die Einladung, die Bekanntschaft fortzusetzen, mit einem so freundlichen Blicke begleitet, daß er kaum daran zweifeln konnte, willkommen zu sein. Jetzt aber mußte er vor allen Dingen Näheres über die Fremden erfahren, und ließ sich deßhalb augenblicklich die Kurliste bringen, die sich ja in jedem Gasthause oder Café findet.
Den Anhaltepunct hatte er ja auch, Namen und Wohnort und das Uebrige mußte die Kurliste angeben.
Panorama — da stand es — alle Wetter, dort logirten lauter vornehme Leute — meist russische Fürsten und Würdenträger mit vollkommen unaussprechlichen Namen — aber da stand Olaf — er schüttelte enttäuscht mit dem Kopfe, denn daraus erfuhr er auch nichts Näheres:
„Olaf, Hr., m. Familie u. Bed. a. America“
das war Alles. Aber wozu brauchte er auch die Kurliste; das nähere Familienverhältniß konnte er sich doch selbst recht gut aus der äußeren Erscheinung der Fremden zusammenreimen. Die ältere Dame — obgleich noch in sehr jugendlichem Alter, war jedenfalls die Gemahlin des ältlichen Herrn — vielleicht seine zweite Frau, und die jüngere dann möglicherweise ihre Schwester? — Nein, das konnte nicht gut sein, denn die beiden Damen schienen auch nicht die geringste Aehnlichkeit miteinander zu haben. Die Aeltere hatte rabenschwarzes, die Jüngere goldblondes Haar, die erste dunkle, die andere blaue, seelenvolle Augen. Ebenso wenig konnte er in den Zügen Beider auch nur das Geringste finden, was selbst nur auf eine nahe Verwandtschaft schließen ließ. Die Jüngste war deßhalb jedenfalls die Tochter des ältlichen Herrn aus erster Ehe und Elise hieß sie — den Namen hatte er im Gespräche gehört — Elise — was für ein reizender Name, für den er schon einmal in früherer Zeit und unter anderen Umständen geschwärmt, ja sogar einige seiner gelungensten Sonette auf den Namen gedichtet. Er hätte ihr keinen anderen Namen wünschen mögen, wenn sich auch schmerzhafte Erinnerungen daran knüpften.
Und er durfte sie besuchen; am Liebsten wäre er freilich gleich herunter gegangen, aber das würde sich nicht geschickt haben — heute auf keinen Fall — er durfte nicht zudringlich erscheinen — morgen — morgen Nachmittag — und morgen früh traf er sie gewiß auf der Promenade. — Aber an dem Hause konnte er wenigstens vorübergehen — vielleicht sah er sie dann, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment, am Fenster.
Florian befand sich wirklich in einem ganz gefährlichen Grad von Aufregung, die sich mit dem dämmernden Abend nur steigerte. Er fing auch an schon allerlei Pläne zu machen und Luftschlösser zu bauen, und lief noch lange nach zehn Uhr zwischen dem Hôtel de Paris und dem berliner Hof immer vor dem Panorama auf und ab, um hinter den hie und da erleuchteten Vorhängen die Gestalt der Geliebten zu träumen. Aber nicht einmal einen Schatten von ihr konnte er entdecken, und die Füße thaten ihm zuletzt so weh, daß er nach Hause mußte, um sich auszuruhen.