Er warf sich auch in der seligen Hoffnung auf sein Bett, jetzt nur von ihr zu träumen — und was Anderes erfüllte denn auch seine ganze Seele? Aber Gott bewahre! Es war ordentlich, als ob ihn der neckische Traumgott verhöhnen wolle; denn statt mit dem Bilde der holden Lahnnixe, wie er sie noch immer nannte, beschäftigte er ihn die ganze Nacht mit einer dicken, unangenehmen Polin, die er an demselben Mittage vor dem Kurhause in einem mit Spitzen bedeckten, aber schmuzigen weißen Kleide, auf zwei Stühlen hingeräkelt und mit einer Cigarre zwischen den dicken Lippen gesehen und sich darüber geärgert hatte. Mit der unterhielt er sich im Traume die ganze Nacht — mußte ihr Feuer zu einer Cigarre geben, ging mit ihr an die Spieltische, ließ sich von ihr verleiten, zu setzen, verlor sein ganzes Reisegeld, was er bei sich führte und wachte endlich, vor Angst in Schweiß gebadet und mit den heftigsten Kopfschmerzen, wieder auf, als die Sonne schon hell auf sein Lager schien.
Florian Heldenstern führte eine Kaffeemaschine bei sich und kochte sich selber Morgens seinen Kaffee, und rauchte dazu eine leichte Cigarre, weil er keine schweren vertragen konnte. Aber sein Blut war in der Nacht, trotz des häßlichen Traumes, abgekühlt und er überdachte die Vorgänge des letzten Tages ruhiger.
Allerdings war er darüber keinen Augenblick mit sich in Zweifel, daß er heute seine Elise aufsuchen und sie wiedersehen würde, aber er fing doch auch an, die Folgen eines solchen Zusammenlebens zu überlegen, an die er gestern mit keiner Sylbe gedacht hatte.
Was sollte daraus werden? — Er liebte Elisen, so viel war sicher, und wenn auch nicht mit der ersten, doch mit der zweiten Gluth seiner Leidenschaft — aber liebte Elise ihn wieder und würde er im Stande gewesen sein, die jedenfalls nicht fehlenden Vorurtheile ihres Vaters zu besiegen? — Was konnte er ihr bieten? Ich will gewiß nicht behaupten, daß Florian Heldenstern sein ganzes Selbstgefühl verleugnet und sich gar so gering geschätzt hätte; aber er besaß trotzdem zu viel gesunden Menschenverstand, um sich über seine eigenen Verhältnisse so gründlich zu täuschen, daß er nicht auch den möglichen Widerstand älterer und deshalb vernünftiger Verwandter in Anschlag bringen sollte.
In den Morgenstunden fließt außerdem das Blut des Menschen langsam durch die Adern, und er fühlte sich im Stande, das pro und contra der ganzen Sache ruhig zu überdenken.
Vermögen besaß er gar keines — schnödes wenigstens, das „Motten und Rost“ verzehren können — geistiges dagegen in Hülle und Fülle, aber damit bezahlte man allerdings keine Miethe und kein Wirthschaftsgeld, wie alle die tausend anderen entsetzlichen Bedürfnisse, die nun einmal zum bürgerlichen Leben gehören und das alte Sprüchwort: „Eine Hütte und ihr Herz“ lange außer Cours gesetzt haben. Er war auch viel zu practischer Natur, um das Alles zu ignoriren, und da konnte er sich denn freilich nicht der Ueberzeugung verschließen — Morgens beim Kaffee wenigstens — daß er der Geliebten nicht im Stande sei, etwas Weiteres zu bieten, als eben sein Herz. Es blieb nur die Frage, ob sie oder ihr Vater sich damit begnügen würden.
Allerdings philosophirte er ganz richtig: „Was ist eigentlich todter Mammon? — Eine eingebildete Größe, die nur allein durch die Habgier der Menschen ihren Werth erhält“ — aber die Sache blieb trotzdem dieselbe, und war er erst verheirathet, so verlangte der Bäcker diesen todten Mammon für Brod und der Metzger für Fleisch, wie die Modenwaarenhandlung noch für viele andere Nebenbedürfnisse.
Was hatte er dagegen in die Schaale zu werfen? — Seine Honorare? — Du lieber Himmel, er wußte selber am besten, wie schwer es ihm geworden, sich mit denen in den bescheidensten Verhältnissen durchzubringen. Er hatte keine Schulden, ja — aber das war weniger seine, als der Leute Schuld, die ihm Nichts borgen wollten, und er hätte nie hoffen dürfen, sich und Elisen mit dem, was er verdiente, „standesgemäß“ (wer nur das entsetzliche Wort erfunden hat!) durchzubringen.
Ihr Vater besaß jedenfalls Vermögen — er mußte reich sein, wenn er hier einen Monat lang „mit Familie und Bedienung“ im Panorama logiren konnte, wo sie die unverschämtesten Preise für Miethe allein forderten; aber würde der gerade geneigt gewesen sein, ihn, den armen Schriftsteller, damit zu unterstützen?
Sein Herz sank ihm, während er sich die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit einer abschlägigen Antwort überdachte, und er blies den Rauch seiner hellgelben pfälzer Cigarre in matten, kräuselnden Wolken vor sich aus. —