Doch bann’ mich nicht aus Deiner Nähe,
Laß mir den Gram, der mich verzehrt —
Und wenn er Gift — es ist das Einz’ge,
Von dem sich meine Seele nährt.
Wie er damit zu Ende war, beschloß er, Toilette zu machen, die Promenade zu besuchen, um die Geliebte dort vielleicht zu treffen und seine tägliche Portion „Gift“ zu sich zu nehmen — aber er kam zu spät. Die Brunnengäste hatten ihr „Krähnchen“ schon getrunken und die Musici den Platz geräumt — nur die schreckliche Polin in ihrem noch nicht gewaschenen weißen, spitzenbedeckten Kleide fegte den Staub der Promenade und etwa herumliegende Cigarrenstummel mit ihrer Schleppe zusammen und ein Paar hustende alte Herren stritten sich an einem der Tische über Politik.
Mittags aß er im Guttenberg und gerirte sich als Kurgast, weil er dadurch billiger wegkam, denn er trank keinen Wein, und Nachmittags um drei Uhr erst wagte er es, von der erhaltenen Erlaubniß Gebrauch zu machen und Herrn Olaf „m. Fam. u. Bed.“ im Panorama aufzusuchen.
Er fand den alten Herrn auch gerade beim Kaffee und in bester Stimmung; die beiden Damen erschienen ebenfalls bald nachher, und da sich Florian heute viel weniger befangen als gestern fühlte, wurde das Gespräch bald animirt und man scherzte und lachte zusammen. Nachher, als die ersten Töne des Musikcorps laut wurden, begab sich die ganze kleine Gesellschaft hinüber auf die Promenade, und als Florian an dem Abende von ihnen Abschied nahm, glaubte er nie einen glücklicheren Tag verlebt zu haben.
Armer Florian — er glich der um das Licht flatternden Motte, die immer nur nach dem strahlenden Glanze geblendet schaut, bis sie der Flamme zu nahe mit ihren dünnen Flügeln kommt, und dann gelähmt, zerstört zu Boden sinkt.
Und doch fühlte sich Florian in dem Gefühle einer unglücklichen, oder wenigstens ungewissen Liebe wohl. Es hatte ihm bis jetzt jener größere Schmerz gefehlt, den alle lyrischen Dichter nothwendig zu ihrer Arbeit brauchen, wenn sie nicht matt und fade werden sollen. In den nächsten Tagen floß ihm die poetische Ader wie eine Sturzfluth. Er besang den — schon allerdings früher besungenen — Mond, den Abendstern, die heiße Quelle von Ems, die er, ziemlich glücklich, mit seinem kochenden Blute verglich — ja sogar das Schweizerhaus, wo er zum ersten Male mit ihr Kaffee getrunken, und verschiedene andere lebendige und leblose Gegenstände.
Aber noch größere Seligkeit stand ihm bevor, denn einige Male traf er es so glücklich, die Geliebte allein zu Hause zu finden, und er benutzte diese Gelegenheit auch augenblicklich — nicht etwa ihr seine Liebe zu gestehen — nein, das hätte er noch nicht gewagt, aber ihr doch einen Theil seiner Gedichte vorzulesen, und ordentlich rührend war die Geduld, mit welcher Elise den begeisterten Klängen des Barden lauschte.