Elise interessirte sich überhaupt sehr für Literatur; sie las viel und meistens deutsche oder englische Romane, wobei sie den letzteren aber den Vorzug gab. Sie behauptete, der Deutsche vermöchte nicht die tiefe Empfindung in sein Werk zu legen, wie der Engländer, und fragte ihren jungen Bekannten wiederholt, ob er noch nie versucht habe, einen wirklichen Roman zu schreiben.

Florian mußte es verneinen. Einzelne Novellen oder kleinere Erzählungen hatte er allerdings schon verfaßt und zum Abdrucke gebracht, aber ein größeres Werk noch nie. Sein Ehrgeiz war jedoch dadurch geweckt worden, und wo und unter welchen Umständen hätte er eine derartige, den Geist vollbeschäftigende Arbeit auch wohl besser beginnen können, als gerade jetzt und hier, unter dem unmittelbaren Einflusse und Zauber dieses holden Wesens, das seine ganze Seele wie in eisernen Banden hielt?

Schon an dem nämlichen Abende, ja die ganze Nacht hindurch arbeitend, entwarf er einen, für jetzt freilich noch ziemlich unbestimmten Plan, auf dem er aber weiter zu bauen hoffte, und nahm sich auch vor, der Geliebten noch für jetzt Nichts davon zu sagen — sie sollte mit den ersten Capiteln, die sie recht gut als ihr Werk betrachten konnte, da sie ja die erste Anregung dazu gegeben, überrascht werden. Die Sache schien nur nicht so leicht, als er sie sich Anfangs gedacht, denn eine derartige Arbeit verlangte Sammlung, und durch unseres jungen Dichters Hirn preßten eine solche Masse von Gedanken und Empfindungen, daß er Tage gebrauchte, um sie nur zu sichten und in ihre Grenzen zu bannen.

Indessen war er im Panorama nicht allein ein täglicher Gast geworden, sondern begleitete die Familie auch auf ihren Spaziergängen, manchmal bis weit hinauf in die Berge, wohin die Damen dann auf Eseln ritten, während die Herren plaudernd nebenher gingen. In solchen Fällen war Herr Olaf, wie Florian jetzt den ältlichen Herrn nannte, auch weit gesprächiger als in den Zeiten, wo die Damen mit in die Unterhaltung gezogen wurden, und erschloß in der Erzählung gar nicht so selten dem aufmerksam zuhörenden jungen Dichter die Wunder jener mächtigen amerikanischen Scenerie, die sich in den endlosen Prairien und himmelansteigenden Felsengebirgen des inneren Landes dem Wanderer zeigt. Von seinen Jagden berichtete er, von seinen einsamen Wanderungen und Entdeckungszügen in den wilden, von feindlichen Indianern noch außerdem bedrohten Felsenkämmen, und beschrieb ihm dann mit glühenden Farben die stillen heimlichen See’n in der Wildniß, den brausenden Wassersturz und die blumengeschmückte Prairie, so daß es Florian manchmal ordentlich war, als habe sich ein Märchen-Erzähler seiner Sinne bemeistert und trage ihn auf breiten Schwingen in sein Zauberreich.

Der ältliche und sonst sehr ruhige Herr schien bei solchen Gelegenheiten auch — wie von seinen Erinnerungen übermannt, ein ganz anderes Wesen geworden. Seine Gestalt hob sich, sein Auge strahlte ordentlich; seine Stimme zitterte in der Erregung des Augenblicks und wie begeistert stand er vor dem jungen Dichter und starrte in die Ferne. Solche Momente waren es auch, in welchen dieser selber eine unbestimmte Sehnsucht nach fremden Scenen in sich erwachen fühlte, und wenn er sich dann noch dachte, daß er einst Alles das, was dieser merkwürdige Fremde mit solchem Entzücken ihm beschrieb, selber an der Seite der Geliebten sehen und genießen sollte, so wollte es ihm bald das Herz vor Lust zersprengen.

Aber die nüchterne Wirklichkeit machte dann doch auch wieder ihre Anrechte geltend, denn wovon und womit sollte er eine solche Reise machen; und sich allein von seinem Schwiegervater unterhalten zu lassen, dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. — Außerdem: liebte ihn denn Elise wirklich? — Er glaubte und hoffte es, war aber weit entfernt, sich vollkommen sicher darin zu fühlen. Sie hatte sich immer lieb und freundlich gegen ihn gezeigt, ja, und er selber noch nie das holde Lächeln auf ihrem Antlitz vermißt, wenn er einmal unerwartet das Zimmer betrat. Mit einer wahren Engelsgeduld saß sie auch stundenlang neben ihm und ließ sich vorlesen, und das war das Einzige, womit er sich stets ein Alleinsein mit ihr sichern konnte. Sobald er nämlich nur sein Buch herauszog, verließ der ältliche Herr das Zimmer, und seine Frau — es mußte seine Frau sein, denn er ging immer Arm in Arm mit ihr — machte sich dann auch sehr bald etwas zu schaffen, oder hatte nach der Kranken zu sehen. Aber er wagte es trotzdem nie, diesen günstigen Zeitpunkt zu benutzen; denn wenn er es sich auch oft und oft vorgenommen, Gewißheit über sein Schicksal zu erhalten: im entscheidenden Momente verließ ihn jedes Mal der Muth und es war ihm dann ordentlich, als ob ihm Jemand die Kehle zusammenschnüre.


So flog unserem Liebenden die Zeit dahin; er wußte kaum selber, wohin sie kam, und nur an seiner mehr und mehr ebbenden Casse merkte er die Spuren ihres Zahns.

Da traf ihn eines Tages, wie ein Donnerschlag — ich könnte sagen „aus heiterem Himmel“ — die Kunde, daß die Stunden seines Glückes gezählt seien, denn Herr Olaf, den er mit Elisen im Zimmer allein fand, rief ihm schon entgegen: