„Was wäre merkwürdig?“ frug der Assessor.

„Was merkwürdig wäre?“ wiederholte der alte Bänkelsänger, „nun, daß das Kind die Courage dazu gefaßt hätte, und dann noch dazu gleich von ihrer Mutter Grab weg, an der sie mit allen Gedanken hängt. Ich glaub’s nicht, und wenn der liebe Herrgott vom Himmel herunter käme und sagt’ es.“

„Aber habt Ihr denn irgend einen Verdacht auf Jemand Anderen?“

Ich?“ frug der Alte erstaunt, „auf wen soll ich Verdacht haben? Ich liege hier seit acht Tagen krumm und kann keinen Fuß vor den andern setzen, was erfahre ich von der Welt? Aber Feinde hat die Schulzin genug, und er auch — hochnäsiges Bauernvolk, die vor Uebermuth nicht wissen, was sie treiben sollen. Alle Augenblicke wechseln sie auch das Gesinde; es hält’s Niemand lange bei ihnen aus, und warum kann’s nicht Einer von denen gethan haben? Warum muß es das Kind gewesen sein?“

„Aber sie würde es doch nicht selber eingestehen, wenn es nicht wahr wäre.“

„Merkwürdig, merkwürdig!“ wiederholte der alte Bursche wieder — aber er schien müde zu werden. Ob ihm die Glieder weh thaten, oder ob er blos die Unterhaltung abbrechen wollte: aber er warf sich auf sein Kissen zurück und schloß die Augen, und da der Assessor ebenfalls kein weiteres Interesse hatte, in dem öden unbehaglichen Raum zu verweilen, stand er auf und verließ mit einem kurzen Gruß das Haus. Er wußte, daß er hier doch nichts weiter erfahren würde.

Drei Tage später war der alte Bänkelsänger wieder auf den Füßen und so weit hergestellt, daß er sogar den Gang in die Stadt zu Fuß antreten konnte, wenn er sich dazu auch noch eines Stockes bediente. Eigenthümlich blieb nur dabei, wie rüstig er ausschreiten konnte, wenn er sich streckenweise allein auf der Landstraße sah, und wie es ihm plötzlich wieder in den Gliedern zog, wenn ihm ein Wagen begegnete oder ihn überholte. Das hielt ihn auch sehr auf, denn er kam dann nur immer langsam von der Stelle, aber zuletzt erreichte er die Stadt doch und ließ sich dann ohne Weiteres bei dem Assessor melden, den er um eine Unterredung mit der „Falleri“ bat.

Der Assessor schien keine rechte Lust zu haben, ihm die zu gestatten, aber er war auch neugierig geworden, zu erfahren, welchen Einfluß der alte Bursche auf das Mädchen ausüben würde, und hatte ihn zugleich dabei im Verdacht, mehr von dem Brande selber zu wissen, als er für gut fand zu gestehen. Schaden konnte er überdies nicht mehr bringen; die That war von der jungen Verbrecherin ohne Zwang, ohne Zureden offen eingestanden und später wiederholt auf das Entschiedenste bestätigt worden — möglich, daß gerade durch ihn mehr Licht in die immer noch dunkle Sache kam.

Der Alte humpelte mit einem ihn begleitenden Polizeidiener die Treppe hinauf, und der Gang schien ihm sauer zu werden. Auf einem Absatz blieb er halten, um sich zu verschnaufen, und schmunzelte dann leise vor sich hin: