„Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Brummer,“ lachte Brenner, „wenn Sie auf mich passen müßten, hätten Sie gerade genug zu thun. Aber leb wohl, Falleri — vergiß nicht, was ich Dir — erzählt habe — Du verstehst mich — wenn ich die Erlaubniß kriege, komme ich noch einmal her zu Dir,“ und ihr kräftig die Hand schüttelnd, verließ er die Zelle wieder und humpelte die Treppe hinunter, an den verschiedenen Schildwachen vorüber, aus dem Haus.
Siebentes Kapitel.
Auf dem Kirchhofe.
Indessen schleppte sich, nach dem gewöhnlichen Geschäftsgang, die Untersuchung noch einige Monate hin, und das Urtheil gegen die junge Verbrecherin lautete endlich, unter Annahme mildernder Umstände, auf zehn Jahre Zuchthaus und weitere zwei Jahre polizeiliche Aufsicht.
Das Urtheil wurde bald in der Nachbarschaft bekannt, und die Leute schienen es meistentheils zu billigen. Nur des Schulzen Frau in Osterhagen war wüthend darüber und erklärte: es sei keine Gerechtigkeit mehr im Lande, wenn eine solche Verbrecherin, die zwei Todtschläge begangen, mit ein Paar Jahren Zuchthausstrafe abkäme; die müßte doch wenigstens gehangen werden. Das Gericht zog aber des Schulzen Frau zu Osterhagen nicht zu Rath, und da die Verurtheilte gegen die über sie verhängte Strafe nicht appellirte, wurde sie einige Tage später in die dafür bestimmte Anstalt abgeführt und auch weiter nicht mehr von der Sache gesprochen.
Dem alten Brenner schien das Resultat freilich nicht recht, und er ging von der Zeit an noch viel mürrischer im Dorf umher als vorher. Auch daß der Schulze seinen Hof noch viel schöner aufbaute als früher, ärgerte ihn, und es zuckte ihm stets in Fingern und Armen, wenn er der hochnasigen Schulzin begegnete, die ihn noch dazu nicht einmal eines Blicks würdigte. Aber was half ihm sein Ingrimm? Er mußte ihn eben hinunterschlucken, und durfte sich noch nicht einmal etwas merken lassen.
Die „Falleri“ war verschollen und im Zuchthaus begraben.
So mochten fast zwei Jahre vergangen sein, als eines Tages eine stattliche Equipage in Osterhagen vor dem Wirthshaus hielt und ein junger Offizier aus dem Wagen sprang. Er hielt sich aber gar nicht im Wirthshaus auf, sondern befahl seinem Kutscher, nur auszuspannen, erkundigte sich dann bei einem der Knechte, in welcher Richtung etwa der Kirchhof liege, und schritt dann, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, der bezeichneten Gegend zu.
Allerdings interessirte sich die Dorfjugend außerordentlich für ihn, und eine Anzahl der Jungen folgte dem schmucken Husaren auch in achtvoller Entfernung bis zur Kirchhofsthür, da er aber dort gar kein Ende machte und immer nur hin und her wanderte, bekamen sie es zuletzt auch satt. Es war überhaupt Mittagszeit geworden, und sie mußten nach Hause. Sie bekamen den fremden Husaren auch schon wieder zu sehen, wenn er zu seinem Wagen zurückkehrte.
Der kam aber lange nicht; wohl zwei volle Stunden stieg er zwischen den arg verwilderten Gräbern herum, und es war augenscheinlich, daß er irgend ein bestimmtes Grab suchte, aber nicht finden konnte. Endlich gab er es auf und wandte sich dem nächsten Hause zu, um dort jedenfalls Erkundigungen einzuziehen.
Das war das Gemeinde-Haus, und Brenner saß gerade unter einem vor drei Jahren dort selber angepflanzten Hollunderbusch vor der Thür und rauchte aus einem entsetzlich schmutzigen und abgegriffenen Maserkopf seinen „Knaster“. Er sah auch den Offizier auf sich zukommen und wunderte sich, was den in aller Welt hierhergeführt haben könne, rührte sich aber nicht von seiner Stelle und qualmte nur in Gedanken stärker als vorher.