„Im Fuchsbau? also ist es wirklich ein eingesunkener Platz?“
„Das sieht ein Kind ein,“ nickte der alte Forstmann, der hier wieder vollständig auf seinem Steckenpferd saß. „Da hat vor alten Zeiten eine große und reiche Stadt gestanden, mit einem Kirchthurm, dessen Kuppel sie so dick vergoldet hatten, daß man Abends bei Sonnenuntergang das Blitzen bis drüben in die fernen Berge sehen konnte. — Aber auf einmal war’s aus — was sie getrieben, der Herr nur weiß es, aber übermüthig sind die Leute jedenfalls geworden, und eines Tages, als Jemand vom nächsten Dorf hinein zur Ortsbehörde wollte, trifft er an der Stelle, wo sonst die stolze Stadt gelegen, einen See mitten im Walde an. Erst glaubte er auch, er hätte den Weg verfehlt, und versucht’s dann mit einem andern, aber es war dasselbe. Alle die breiten Fahrwege, die sonst hinein in den Ort führten, liefen jetzt bis an den Rand der blanken Steinwand und grad in’s Wasser hinein, und der See muß lange an der Stelle gestanden haben, denn mein Großvater wollte sich noch erinnern, ihn gesehen zu haben. Seichter war er aber mit den Jahren geworden, zuletzt sickerte er ganz weg, und heutzutage ist nur noch der moorige Grund geblieben, den aber kein Mensch, nicht einmal ein Stück Wild betritt. — Nur die Füchse hausen da drin und finden da allerdings gar vortrefflichen Schutz.“
„Aber haben Sie mir nicht selber gesagt, Sie hätten schon einen Hund da drin verloren?“
„Allerdings — aber der Hund ist allein hineingelaufen, ich war selber nie drin und hab’ auch nie nachgeschaut, wo er geblieben sein kann. Jedenfalls ist er in eine der Spalten gestürzt. Was hat der Jäger auch dort unten zu suchen? Wild steht dort nicht — und sei’s nur aus dem Grunde, daß sie nirgends wieder auskönnen, wenn ihnen der einzige hineinführende Wechsel verstellt wird. Das ganze Terrain ist wie eine große Art Falle, und vor solchen Plätzen scheuen sie sich; außerdem mag aber auch die Aesung auf dem feuchten Boden sauer schmecken, denn von oben hinab sieht man eigentlich nichts als Haidekraut und eine Art schilfiges Gras und Schachtelhalm.“
„Aber was für ein Spuk war der, Förster, von dem Sie sprachen?“ sagte der junge Mann, durch das Alles neugierig gemacht — „der Spuk, der einem frommen Christen nichts anhaben könne?“
„Hm,“ brummte der Alte, doch nicht ganz sicher, wie seine Erzählung aufgenommen werden könne. „In neuerer Zeit hat man lange nichts mehr davon gehört —“
„Aber in früheren Jahren?“
„Da soll das alte Nest da drin ein Hauptplatz für Derlei gewesen sein,“ nickte der Alte, „man darf freilich nicht Alles glauben, was die Leute erzählen,“ setzte er gewissermaßen entschuldigend hinzu, „aber wenn nur die Hälfte von dem wahr wäre, reichte es aus. Daß der wilde Jäger hier im Spessart seinen Hauptsitz hatte, ist allbekannt. Von hier ging er aus — hierher kam er zurück, wenn er vor der Morgendämmerung seine tolle Meute wieder eintrieb, und die Kreiser, bei denen sich die Erzählung von Vater auf Sohn vererbt hat, viele Geschlechter durch, behaupten, daß er dort in dem versunkenen Bau eingefahren sei wie ein Fuchs, und es nachher noch stundenlang da drinnen getobt und gelärmt habe, als ob ein unterirdischer Donner durch den Wald führe. Irrwische sind da drunten genug gesehen worden, und nirgends hat’s mehr Erd- und Waldweible gegeben, als in der Gegend. Manchem Förster — vor meiner Zeit, denn ich müßte lügen, wenn ich was Derartiges behaupten wollte — sind auch Bewohner des weggesunkenen Ortes erschienen — einmal einem Jäger — einem fürstlichen Herrn — ein bildhübsches Mädchen in fremdartiger Tracht, die aber kein Wort gesprochen, sondern nur gewinkt hat, bis er ihr gefolgt ist. Der ist er nachgestiegen in den Kessel hinein — der Jägerbursche, den er bei sich gehabt und der ihm nicht folgen durfte, hat’s erzählt, und am Abend haben sie ihn da drin gefunden, todtenbleich — und er war tiefsinnig geworden und hat nie im Leben wieder gelacht oder auch nur verkündet, was er dort unten gesehen. Er durft’s wohl nicht.“
„Hm, das sind ja wunderbare Geschichten von dem alten Bau,“ sagte der junge Forstgehülfe kopfschüttelnd, „und ist nur merkwürdig, daß ich noch kein Wort davon gehört.“