So wurde es Herbst, und Raischbach hatte sich einen ganz vorzüglichen Dachshund von einem benachbarten Förster gekauft, den er, wie sich bald auswies, auch vortrefflich als Schweißhund benützen konnte. Der Hund war jedenfalls ausgezeichnet und von da an des jungen Forstgehülfen steter Begleiter; ja selbst auf den Anstand konnte er ihn mitnehmen, denn „Dachs“, wie er ihn genannt, rührte sich nicht und lag stundenlang, ohne auch nur den Kopf zu heben, an seiner Seite.

Der junge Forstgehülfe war aber so oft dem Bock jetzt zu Gefallen gegangen und immer vergeblich, daß er es zuletzt satt bekam. Förster Buschmann hatte ganz recht, wenn er behauptete, es sei ihm eben nicht beizukommen und er müsse seine Zeit abwarten — vielleicht glücke es doch einmal. Mit desto größerem Eifer legte er sich aber dafür auf die Fuchsjagd, und wie der erste Schnee fiel und die Bälge brauchbar wurden, leistete er darin Außerordentliches. Bis Mitte Dezember hatte er allein schon sieben geschossen, und Förster Buschmann, dem die Bälge als Jagdrecht gehörten, hätte sich allerdings keinen besseren Forstgehülfen wünschen können.

Es war Mitte Dezember und wieder in der Nacht ein Neues[C] gefallen, als Raischbach auch schon, noch Morgens vor Tag, seinen Dachs fütterte, selber seinen Kaffee trank, ein Stück Brod und einen Schnaps in seine Jagdtasche schob und hinausging, um abzuspüren.

Oft und oft war er im Spätsommer und Herbst den alten Weg gegangen, und wie hatte er sich dann bald die Augen aus dem Kopfe geschaut, um das bunte Tuch wieder durch die Büsche scheinen zu sehen und dem lieben Mädchen noch einmal zu begegnen. Sie kam nicht — es blieb immer vergebens, und wenn er auch jetzt im Schnee nicht daran denken durfte, sie draußen im Wald zu treffen, flogen doch trotzdem die Gedanken, als er sich wieder dem Fuchsbau näherte, zu ihr zurück, und leise vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd, sagte er halblaut:

„Es bleibt doch eigentlich merkwürdig, daß ich das Blitzmädel nie wieder treffen konnte, und daß sie gerade damals hier am Bau wie in den Boden hinein verschwand. Wenn sie nur wenigstens den kleinen Pfad gehalten hätte, so mußte ich sie drunten noch einmal sehen, und was hat sie in der Tannendickung zu suchen, denn die Felsenwand kann sie ja doch nicht hinunter sein.“

Noch während er sprach, hatte er die nämliche Stelle erreicht, wo er sie damals getroffen, und schritt fast unwillkürlich an dem hier etwas offenen Holzrand hin, dem das Mädchen damals, die ersten Schritte wenigstens, gefolgt. Wie er aber zu dem Punkt kam, wo er sie aus den Augen verloren, blieb er überrascht stehen, denn da lief eine frische Fuchsspur, wie eben erst eingedrückt, quer über den Pfad und gerade nach der Wand zu, an der sie damals verschwand. Also gab es hier wirklich einen möglichen Pfad dort hinab — denn wo ein Fuchs fortkommt, weßhalb soll da nicht auch ein Mensch gehen können?

Der Forstgehülfe schritt vorsichtig und geräuschlos, und mit dem Fuß vorher sorgfältig sondirend, damit ihm der Schnee nicht darunter wegrutschte und er vielleicht die Klippe hinabstürzte, bis zum äußersten Rand und bog sich dort über, brauchte auch nicht lange, um die da hinabführenden Fährten zu erkennen. Meister Reinecke war wirklich ganz behaglich hinabgestiegen, und zwar an einer Stelle, die er selber bis dahin für ungangbar gehalten. — Und wo stak er jetzt? Der Forstgehülfe stand mit gespanntem Gewehr oben auf dem Rand des Felsens und bog sich so weit als möglich vor, und hinter ihm schnüffelte sein Dachs die frische Spur. Da plötzlich sah er dort unten, etwa in der Mitte der Wand, sich etwas Dunkles regen — das waren die spitzen Lauscher eines Fuchses. Unwillkürlich hob er das Gewehr an den Backen — wenn er nur noch ein klein wenig vorkam, daß er wenigstens den vollen Kopf erkennen konnte. Jetzt war er wieder verschwunden, oder wenigstens durch vorhängendes, mit Schnee bedecktes Gesträuch verdeckt — Raischbach blieb aber, ohne sich zu regen, in seiner Stellung, und es dauerte auch in der That keine halbe Minute, bis der Fuchs plötzlich wieder, etwas weiter unten zwar, aber nun vollständig zum Vorschein kam. In dem Moment krachte auch der Schuß, und Reinecke, seinen Halt verlierend, stürzte, entweder todt oder doch schwer angeschossen, den letzten Absatz hinunter in die Büsche hinein. Von da oben aus war allerdings Nichts mehr zu machen, denn in dem schlüpfrigen Schnee durfte er nicht wagen an dem steilen Hang hinab zu klettern. Er besann sich aber auch keinen Moment — den Fuchs mußte er haben, und seine Büchsflinte erst wieder frisch ladend, eilte er dann, so rasch ihn seine Füße trugen, den Pfad hinab und in den eigentlichen „Grund“ selber hinein.

Jetzt galt es, die Stelle wieder zu finden, auf der sein Fuchs liegen mußte. Diese war auch nicht gut zu fehlen, denn wie er nur in die Nähe kam, erkannte er schon an einzelnen an der Wand haftenden Schneeklumpen den rothen Schweiß, den der angeschossene Fuchs beim Abstürzen dort hinterlassen, und erreichte gleich darauf den Platz, wo er zu Boden geschlagen war — eine förmliche Schweißlache zeichnete den Ort an — aber der Fuchs lag nicht dabei. Freilich hatte er nicht fortgekonnt, ohne in dem Schnee eine vollkommen deutliche Spur zu hinterlassen — auch nicht mehr springen konnte er — nur durch den Schnee sich fortschleifend zog sich die rothe Spur gegen die Wand hin, und dort stand Raischbach gleich darauf vor einer Felsspalte so hoch, daß ein Mann hätte gebückt hineinkriechen können — und dort drinnen stak er jetzt.

„Ist der sappermentische Bursche doch noch zu Bau gekrochen!“ murmelte der junge Forstgehülfe vor sich hin; „na, Dachs, dann wirst Du jetzt Deine Schuldigkeit thun müssen und ihn herausholen. Weit kann er nicht mehr hinein sein, und vielleicht liegt er gleich verendet vorn dran.“