„Und den steilen Pfad bist Du wirklich hinabgesprungen?“
„Bah, was ist denn das weiter?“ lachte das Mädchen; „jeder Fuchs geht ja da aus und ein.“
Dabei hatte sie ihn an der Hand genommen und führte ihn jetzt die Höhle entlang deren Ende zu, wo sie in einen langen schmalen Gang auszumünden schien. Der Gang aber führte immer mehr bergab, und als Bernhard den Blick zurückwarf, kam es ihm vor, als ob er sich etwas drehe.
„Aber wo geht denn das hin?“ frug er.
„Wirst’s gleich sehen,“ lautete die Antwort — „Du weißt ja doch, daß jene alte Stadt, von der Dir der Förster erzählt, gerade an der Stelle gestanden hat, wo jetzt der tiefe Grund liegt, und da müssen wir hinunter; aber ’s ist nicht weit mehr,“ tröstete sie ihn „siehst Du, da unten kannst Du schon den hellen Schein erkennen.“
„Wo kommen nur all’ die Flammen her, die ihr hier brennt?“
„Die Flammen?“ sagte das Mädchen — „ei, das ist Erdöl, das aus den verschiedenen Ritzen und Spalten herausschwitzt und bloß angezündet zu werden braucht, wenn man es unten hell zu haben wünscht. Erdöl giebt’s genug und überall; das brennt ewig.“
Raischbach wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah; immer aber mußte er wieder seine Begleiterin ansehen, und er konnte sich gar nicht denken, daß es etwas Lieberes auf der Welt geben möge, als ihr freundliches Gesicht. So weiß und zart sah ihre Haut aus, so leicht von Roth waren ihre Wangen angehaucht, und was für wundervolles, dunkel kastanienbraunes Haar sie hatte — und was für Augen — ihr Feuer brannte ihm tief in’s Herz hinein, und wie er den Druck ihrer Hand fühlte, als sie ihn den steilen, schlüpfrigen Hang hinableitete, war es ordentlich, als ob es ihm die Nerven bis in die Fußzehen und Fingerspitzen hinein erzittern machte. Sie selber aber schien von dem Eindruck, den sie auf den jungen Forstmann ausübte, nicht die geringste Ahnung zu haben, sondern schritt so unbefangen und ruhig neben ihm her, als ob er eben nichts wie ihr täglicher Begleiter wäre.
Da öffnete sich plötzlich vor ihnen der bis jetzt schmale Gang zu einer weiten Ebene, die aber von einem blendend hellen Lichtkörper erleuchtet wurde, während hoch darüber dunkle und undurchdringliche Nacht zu liegen schien, und in der Ebene sah der Forstgehülfe eine weite, alterthümliche Stadt, mit einer breiten, aber niederen Kirche und einem Kirchthurm, dessen fast moscheenartig gerundete Kuppel wie von lauterem Golde blitzte und strahlte. Als er aber genauer hinsah, bemerkte er, daß gerade diese Kuppel der Körper sei, von dem aus das Licht über die ganze Gegend floß, so daß sie wie eine strahlende Sonne über den Häusern lag.
Seine Aufmerksamkeit wurde indessen bald einem Haufen riesengroßer, doch furchtbar magerer Rüden zugelenkt, die mit schrecklichem Geheul und Gebell auf sie einfuhren und nicht übel Lust zu haben schienen, über sie herzufallen. Bernhard griff auch schon nach seinem Hirschfänger, um sich und seine Begleiterin zu vertheidigen. Diese aber lachte und rief: „Lass’ nur den Hirschfänger stecken, Freund, die thun uns nichts, das sind die Hunde des Grafen Hackelnberg Und bloß darauf abgerichtet, rechten Lärm zu machen.“