Herr Louis hatte gerade nichts zu thun; es war heute Morgen merkwürdig leer in der Weinstube; so, an dem Mädchen vorbeigehend, suchte er ihr unter das Kinn zu greifen und sagte:
„Nun, Schatz, wie geht’s?“ Lieschen parirte aber den Versuch, schlug ihm den Arm zurück und sagte schnippisch:
„Wie man’s treibt!“
„Nu, nu“, bemerkte Herr Louis beleidigt, „die Jungfer ist ja heute Morgen bei sehr übler Laune. Lieschen, Lieschen, Sie stehen sich sehr im Licht.“
„Ich? — daß ich nicht wüßte“, lachte das Mädchen, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, indem sie mit geschickter Hand die Teller und Gläser auf dem Tisch ordnete; „ich denke mir immer, es ist noch nicht so weit, und ehe Sie das bekommen, wo Sie dahinter her sind, läuft wohl noch mancher Tropfen Wasser den Berg hinunter.“
„Wo ich dahinter her bin?“ rief Herr Louis, anscheinend sehr erstaunt, erröthete aber doch etwas, denn er hatte kein reines Gewissen.
„Na, thun Sie nur nicht so“, lachte Lieschen. „Sie glauben wohl, unsereins ist blind — aber zum Gratuliren wär’s doch wohl noch zu früh —“ und damit wollte sie sich rasch der Thür zu drehen, als ihr Herr Louis in den Weg trat. Es lag ihm aber nichts daran, dies Gespräch fortzusetzen, denn Lieschen hatte wirklich einen wunden Fleck berührt, und er sagte freundlich:
„Na, kommen Sie her, Kind, wir wollen uns nicht zusammen zanken, und Sie sollen auch nicht dabei zu kurz kommen, wie sich die Sachen hier gestalten. Also Frieden geschlossen, und zum Versöhnungszeichen essen Sie jetzt ein Vielliebchen mit mir, wer zuerst dem Andern morgen früh den guten Morgen abgewinnt.“
„Ja, ich hätte Zeit zu solchen Albernheiten“, rief aber das Mädchen; „die ewige Quälerei mit den Vielliebchen — allen Menschen bieten Sie’s an, und Keiner will — guten Morgen, Herr Louis — seh’n Sie, jetzt hätt’ ich’s Ihnen schon abgewonnen!“ und mit den Worten machte sie sich lachend von ihm los und warf die Thür hinter sich ins Schloß.