„Verreist — so —?“ sagte der Fremde gedehnt und, wie es schien, in seinen Erwartungen getäuscht; „weit?“

„Nein, nur zum Besuch aufs Land. Sie kommt morgen Mittag jedenfalls wieder.“

„In der That?“ rief der Fremde rasch und augenscheinlich erfreut; „dann seien Sie doch so gut und weisen Sie mir mein Zimmer an. Ich werde sie jedenfalls erwarten.“

Herrn Louis gefiel das nicht, aber gegen diesen direct ausgesprochenen Willen ließ sich auch nichts weiter thun. Er nahm also, da der Fremde aufstand, den Reisesack und ging, mit einer einladenden Verbeugung ihm zu folgen, voraus, beschloß aber doch, jedenfalls heute noch herauszubekommen, was der Fremde beabsichtigte, denn Herr Louis hatte selber eine Menge weitgreifender Pläne und dachte gar nicht daran, sie sich von einem „hergelaufenen Voyageur“, der mit dem Frühzug und nur mit einem Reisesack eintraf, kreuzen zu lassen. Der Mann trug ja nicht einmal einen Schirm.

Der Fremde schien aber nicht die geringste Notiz von des Oberkellners Gedanken oder Plänen zu nehmen, ging in sein Zimmer, zog seine Stiefeln aus und setzte sie vor die Thür, schloß sich dann ein, entkleidete sich und ging zu Bett, als ob es zehn Uhr Abends gewesen wäre.

Während der Fremde schläft, können wir uns indessen die Verhältnisse des Hotel Müller ein wenig betrachten.

Das Hotel hatte schon der Vater der jetzigen Wirthin innegehabt, bis sie sich in den „seligen Müller“, einen übrigens wackeren und thätigen Mann verliebte, diesen heirathete und nach des Vaters Tod das Wirthshaus „Zum goldenen Elephanten“ in das moderner klingende „Hotel Müller“ umwandelte. Caspar Müller, ihr damaliger Mann, brachte auch das jetzige Hotel durch seine unermüdliche Thätigkeit in „Schwung“, daß es bald das beste der Stadt wurde, und verdiente viel Geld dabei. Da war er einst genöthigt, um bedeutende Außenstände einzucassiren, nach London hinüber zu fahren. Ein sehr heftiger Sturm warf aber den Dampfer an die Küste; er strandete, und von sechsunddreißig Passagieren wurden nur drei gerettet. Caspar Müller aber blieb verschollen. Jene furchtbare Sturmnacht, die so viele Menschenleben kostete, hatte auch sein Schicksal besiegelt, und es wurde nichts weiter von ihm gehört.

Die Wittwe führte indessen das Geschäft fort, und unermüdlich, wie sie in demselben immer gewesen hatte sie ihm auch die Jahre allein und wacker vorgestanden. Aber sie fand zuletzt keine rechte Freude mehr daran, denn mit einem erworbenen Vermögen, von dem sie mit mäßigen Ansprüchen recht gut hätte leben können, sah sie keinen Grund, weshalb sie sich eigentlich noch länger unnöthiger Weise quälen sollte, und beabsichtigte deshalb, das Hotel unter guten Bedingungen zu verpachten. Bis das aber geschehen konnte — denn nichts zwang sie, diese Sache zu übereilen — wollte sie sich eine Haushälterin nehmen und hatte zu dem Zweck schon eine Aufforderung in den Zeitungen erlassen. Bis diese freilich eintraf, mußte ihr Oberkellner, Herr Louis, das Ganze leiten.

Herr Louis hatte unten im Wirthszimmer Kaffee getrunken und seinen eigenen Gedanken dabei Audienz gegeben, als Lieschen, das Stubenmädchen, hereinkam und den einen Tisch deckte, denn einige Stammgäste frühstückten gewöhnlich im Hotel Müller, wo sie mäßige Preise und ein vortreffliches Glas Wein fanden.