Herr Louis war beleidigt, aber es blieb ihm keine Zeit, seinem Unmuth Worte zu geben, denn mehrere Gäste kamen zu gleicher Zeit, die bedient sein wollten, und denen konnte er sich nicht entziehen. Lieschen mußte nachher ebenfalls herein, um mit aufwarten zu helfen, und gegen Mittag erschien auch der arme Teufel von Unterkellner, ein furchtbar magerer, aufgeschossener Bursch, der aus Aermeln und Hosen herausgewachsen war und jetzt einen unförmlich aufgeschwollenen Backen in ein rothbaumwollenes Tuch eingebunden trug. Es war gerade keine appetitliche Erscheinung, aber er konnte eben nicht entbehrt werden.

Eine kleine Anzahl von Gästen aß auch später hier zu Mittag, und das Diner war schon beendet, als der Fremde von heute Morgen wieder herunter kam und noch etwas zu essen verlangte. Er hatte es verschlafen, wie er sagte, ließ sich jetzt an einem kleinen Seitentisch besonders decken, bestellte eine Flasche St. Julien und gab sich dann dem Genuß der Speisen mit aller Ruhe hin.

Das Speisezimmer war geräumt, die noch vorhandenen Gäste waren nebenan in das Billardzimmer gegangen, um bei einer Partie ihren Kaffee zu trinken. Der Fremde saß auch bei seiner Tasse im Zimmer und rauchte seine Cigarre, während Herr Louis, dicht neben ihm, aus einem Teller voll Knackmandeln diejenigen Mandeln aussuchte, die durch ihren Umfang zu der Hoffnung eines Vielliebchens berechtigten. Er drückte sich auch nicht absichtslos um den Gast herum, denn er hielt die Gelegenheit für günstig, ihn jetzt ein wenig über seine Absichten auszuforschen. Hatte er doch selber kühne Pläne auf die Hand der noch immer rüstigen und sogar noch hübschen Wittwe — oder vielmehr auf das Hotel, bei dem er die Wittwe nur als Zugabe — gewissermaßen eine Formsache — heirathen mußte, und nicht die geringste Lust, hier einen möglichen neuen Heirathscandidaten so ohne Weiteres heran und ihm freie Hand zu lassen.

Es war aber mit dem Mann nichts anzufangen, er blieb einsilbig und suchte allen an ihn gestellten Fragen vorsichtig auszuweichen. Das aber bestärkte Herrn Louis nur noch mehr in seinem Verdacht, und er begann jetzt seinerseits einen neuen Operationsplan zu entwerfen. So viel hatte er schon herausbekommen, daß der Fremde wenig über die Verhältnisse des Hauses wußte, jedenfalls seit langen Jahren nicht in B. gewesen war. Trug er sich also wirklich mit solchen Plänen, wie Herr Louis fürchtete, so wollte er einmal versuchen, diese mit einem Schlag über den Haufen zu werfen und dann jedenfalls zu sehen, was der Herr für ein Gesicht dazu machte. Mißglückte es, nun so war es immer kein Unglück und nur ein Scherz gewesen, oder — der Fremde konnte ihn auch falsch verstanden haben. Herr Louis beschloß nämlich, der Wirthin einen zweiten Mann zu octroyiren.

Die Wirkung war aber nicht so mächtig, wie sie der eifersüchtige Kellner erwartet hatte. Der Fremde nahm die neue Nachricht ziemlich ruhig hin und fragte nur etwas erstaunt:

„Hm — ich glaubte, die Madame hieße noch Müller?“

„Du lieber Gott,“ meinte Herr Louis achselzuckend, „der Müller giebt’s gar viele. Ihr jetziger Mann führt denselben Namen.“

„Ja,“ sagte der Fremde, „das ist wahr. Ich heiße ebenso,“ und dampfte ruhig weiter.

Herr Louis wußte jetzt ebenso wenig, woran er mit dem räthselhaften Menschen war. Hatte er vielleicht eine Schuldforderung einzukassiren? Daß er die Frau vom Haus unter jeder Bedingung selber sehen wollte, sprach dafür. Das ließ sich vielleicht durch das Fremdenbuch herausbekommen — aber auch das mißglückte. Der Gast schrieb sich ein: „Müller, Particulier, Hamburg — zum Vergnügen,“ stand auf, zündete seine ausgegangene Cigarre wieder an und ging in sein eigenes Zimmer hinauf. Herr Louis aber blieb unten an dem Tisch sitzen und aß in Gedanken drei oder vier Vielliebchen mit sich selber.

Zweites Kapitel.