Das hingeworfene Wort des Burschen war aber trotzdem auf fruchtbaren Grund gefallen, denn es schien dem Fremden doch nicht so ganz gleichgültig, ob Madame Müller wieder geheirathet habe oder nicht — wenn auch aus einem anderen Grund, als Herr Louis dachte.

„Hm, hm, hm,“ sprach er leise vor sich hin, indem er in seinem Zimmer auf und ab ging und, die Stirn in tiefe Falten gezogen, seinen eigenen — wie es schien, eben nicht angenehmen — Gedanken nachhing. „Das ist wieder ein Strich durch die Rechnung — also auf’s Neue verheirathet. Welches Interesse wird jetzt der neue Mann an dem alten Schwager nehmen, und wenn ich ihr nun auch meine ganze verzweifelte Lage vorstelle, da — speist mich der Herr Gemahl vielleicht aus verwandtschaftlichen Rücksichten mit fünf oder zehn Thalern ab, und meine letzte Hoffnung ist mir zu Grunde gerichtet.“

„Und meine arme Frau?“ fuhr er nach einer langen Pause fort, indem er, die Stirn an das Fensterkreuz gelehnt, durch die Scheiben auf die Dächer hinausstarrte. „Seit fünf Vierteljahren sitzt die jetzt in Breslau, während ich in der Welt herumfahre und Brot für uns Beide suche, wo ich mich selber kaum am Leben erhalten kann. — Eine verfluchte Einrichtung in der Welt, daß die eben Alles haben, die nichts brauchen, und die Alles brauchen, welche nichts haben. Hol’ der Teufel dieses socialistische System — wenn ich nur auf eine glückliche Idee fallen könnte, das Herz meiner unbekannten Schwägerin zu erweichen.“

Er warf sich mit diesen Worten in einen Lehnstuhl, das rechte Bein über das linke, stützte den Kopf in die Hand und starrte finster brütend auf die ihm gegenüber befindliche Wand. Sein Blick fiel dort auf ein Oelgemälde, das Brustbild eines Mannes, ohne aber im Anfang das Bild desselben in sich aufzunehmen. Nur wie in’s Leere starrte er wohl eine volle Viertelstunde darauf hin, bis das Portrait allmählich Farbe und Gestalt annahm, und seine eigenen Gedanken wieder zu seiner nächsten Umgebung zurückkehrten.

Das Bild stellte einen Herrn in einem blauen Frack mit blanken Knöpfen dar, der eine etwas steife Cravatte, einen aufgedrehten Schnurr- und kurzen Backenbart trug. Mit besonderer Sorgfalt war aber vorzüglich die gestickte Weste und die goldene Uhrkette gemalt, und die rechte Hand auch, etwas gewaltsam heraufgebracht, möglicher Weise um einen sehr schönen und großen Siegelring daran zu zeigen. Es war in der That kein großes Kunstwerk, aber eines von jenen Bildern, denen man trotz einer sehr mittelmäßigen Auffassung, ansieht, daß sie eine gewisse Aehnlichkeit haben.

Des Fremden Gedanken schienen sich aber doch nicht lange auf einen Punkt fesseln zu lassen. Er sprang auf und ging eine Weile mit untergeschlagenen Armen im Zimmer auf und ab — und dennoch fiel sein Blick immer wieder auf das Bild, das ihn anfing zu geniren. Es hatte eine Aehnlichkeit mit Jemandem, den er kannte, und er konnte nicht heraus bekommen mit wem. Es ist das gerade so, als ob wir uns auf einen bekannten Namen besinnen wollen und können nicht darauf kommen; was im Stande ist, einen Menschen den ganzen Tag zu quälen. Aber das Grübeln half nichts; die Gedanken peinigten ihn, und er beschloß, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Eben trat er aus seinem Zimmer, als Herr Louis vorbeiging.

„Wollen eine kleine Promenade machen?“ sagte er verbindlich.

„Ja,“ lautete die etwas zerstreute Antwort, „aber — apropos, Oberkellner, wen stellt denn das Bild da drinnen vor?“

„Das Bild? Welches meinen Sie?“