Der Fremde schloß statt aller Antwort das Zimmer wieder auf und deutete auf das über der Commode hängende Oelgemälde.

„Ah, das!“ sagte Herr Louis, indem er sich im Zimmer umsah, „das ist eben der verschollene Herr Müller, der frühere Mann unserer Frau. Soll sehr ähnlich gewesen sein.“

„In der That?“ rief der Fremde, und wäre Herr Louis jetzt nicht selber in dem Anschauen des Bildes vertieft gewesen, so hätte ihm nicht entgehen können, daß diese Nachricht einen eigenthümlichen Eindruck auf den Gast machte. „Aber wie kommt das Bild des Wirths hier in ein Gastzimmer?“ fragte dieser endlich nach einer Pause.

„Dies Zimmer,“ sagte Herr Louis, „ist erst seit ein paar Tagen mit zu dem Hotel genommen; früher war es privat, und da Madame verreiste, blieben die Bilder noch vor der Hand hängen.“

„Und ihr jetziger Mann ist zu Haus?“ fragte der Fremde.

„Ihr jetziger Mann?“ sagte Herr Louis, der im ersten Moment ganz seine Lüge vergaß, „ja so — Sie meinen den jetzigen Herrn Müller. Nein — der ist auch verreist — eine Geschäftsreise nach Bordeaux, um Wein zu kaufen, wird aber auch in den nächsten Tagen zurückerwartet.“

„So?“ sagte der Fremde rasch, und schien merkwürdiger Weise ganz vergessen zu haben, daß er hatte ausgehen wollen, denn er setzte sich wieder in den Lehnstuhl und stellte den Hut neben sich. Dort blieb er auch sitzen, als Herr Louis schon lange das Zimmer verlassen hatte, zündete nicht einmal ein Licht an, und ging erst etwa gegen zehn Uhr in das Gastzimmer hinunter, um sein Abendbrot zu verzehren.

Es mochte halb elf Uhr sein, als er damit fertig war (die sämmtlichen Gäste hatten den Wirthsraum schon verlassen) und noch eine zweite Flasche Wein bestellte. Er begann diese, langsam an seinem Glase nippend — der Unterkellner lehnte mit verbundenem Gesicht zwischen dem Büffet und der Thür und schlief, die Serviette fest unter den linken Arm geklemmt, und Herr Louis stand an seinem Pult, notirte eben die zweite Flasche und erwog in seinen Gedanken, ob der Reisesack da oben auf Nr. 36 so viel werth sein möchte, wie die auflaufende Rechnung. Nebenbei überlegte er aber auch noch, weshalb der Fremde so überrascht gewesen sei, als er gehört habe, daß jener mythische zweite Herr Müller vereist sei, denn das hatte ihm doch nicht entgehen können.

„Herr Oberkellner!“

„Befehlen?“