„Bitte — trinken Sie nicht ein Glas Wein mit? Es schmeckt besser zu Zweien.“
Herr Louis machte nur eine der Einladung entsprechende Bewegung, nahm sich ein Glas vom Büffet, versetzte dabei dem jungen Burschen einen leisen Knuff, denn die Gelegenheit war zu günstig, und nahm dann neben dem Gast Platz. Bei einem Glase Wein ließ sich doch am Ende herausbekommen, was er eigentlich beabsichtige. Aber auch hierin sah er sich getäuscht, denn der Fremde schien sich auffallender Weise viel mehr für den todten, wie für den lebendigen Herrn Müller zu interessiren, und da Herr Louis recht gut wußte, daß es kein besseres Mittel gab — wenn alle anderen fehlschlugen — um Jemanden zum Erzählen zu bringen, als wenn man selbst damit beginnt, so theilte der Oberkellner jetzt dem Fremden Alles mit, was er selber über den „Seligen“ wußte.
„Er war vier oder fünf Jahre mit >der Frau< verheirathet gewesen,“ begann Herr Louis seine Erzählung, „und, wie Alle behaupten, sehr glücklich. Dann kam die unselige Reise. Der Dampfer scheiterte, von einem heftigen Sturme verschlagen, auf den Goodwinsands, und nur ein Theil der Mannschaft und Passagiere wurde gerettet. Doch das Alles hatte ja damals in den Zeitungen gestanden und war bekannt, nur Eines schien auch dem Fremden neu, daß nach mehreren Monaten nämlich noch ein paar Leute von eben demselben Schiff auftauchten, die man damals für mit verunglückt gehalten hatte. Diese waren nämlich in der Nacht von einem amerikanischen Schiff aufgefischt worden und mit nach New-York genommen, und sagten auch aus, daß noch ein anderer Schooner ebenfalls an der Stelle gehalten habe und beigedreht wäre — ob er es aber ermöglichte, noch Jemanden zu retten, wüßten sie natürlich nicht, und eine ganze Zeit lang sei dann das Gerücht gegangen, der „selige Herr Müller“ lebe noch, wäre in New-Orleans gelandet und würde mit dem nächsten Schiff zurückkehren. Aber es mußte doch nur ein bloßes Gerücht gewesen sein, denn Jahr nach Jahr verging und Herr Müller kam nicht wieder. Er war jedenfalls in jener Unglücksnacht mit der Mehrzahl der Passagiere zu Grund gegangen.“
Während Herr Louis das erzählte, hatte der Fremde den letzten Rest der Flasche geleert und machte Miene, aufzustehen. Damit war aber dem Oberkellner nicht gedient, der entweder selber heut Abend Appetit zu einem Glas Wein hatte, oder dabei noch etwas aus dem schweigsamen Mann herauszupressen suchte. Vor allen Dingen schickte er den Jungen zu Bett, holte dann selber noch eine Flasche Chateau Margaux herbei und wollte sich eben wieder an den Tisch setzen, als draußen auf der Treppe ein furchtbares Gepolter laut wurde. Aber es war nur der Unterkellner mit dem dicken Backen gewesen, der im Schlaf die Treppe herunterfiel. Unten raffte er sich wieder auf und erneute den Versuch, in sein Bett hinauf zu kommen, während Herr Louis dem Gast erzählte, was er für eine Noth mit dem Jungen habe.
Der sonst so schweigsame Gast thaute aber bei der dritten Flasche ordentlich auf, und fing an, Anekdoten, besonders aus dem Theaterleben, zu erzählen, daß sich Herr Louis vor Lachen ordentlich ausschütten wollte. Bei jeder Anekdote fiel aber Herrn Louis ebenfalls eine entsprechende — wenn auch aus einem anderen Wirkungskreis — ein, und es war zwei Uhr Morgens, ehe sich die beiden würdigen Leute, und zwar als die besten Freunde trennten. Von den früheren Verhältnissen des Trinkcumpans hatte Herr Louis aber eben so wenig zu hören bekommen, wie er vorher gewußt — trotz der fünf Flaschen Rothwein, die sie nach und nach mit einander ausgetrunken; und als Herr Louis zu Bett schwankte, ging der Fremde mit festen Schritten in sein Zimmer hinauf und wanderte dort wohl noch eine volle Stunde mit untergeschlagenen Armen auf und ab. Er konnte jedenfalls mehr vertragen als der Oberkellner.
Herr Louis erwachte am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen und außerdem noch mit einem unbestimmten Gefühl, daß er in dieser Nacht sehr fidel gewesen und der Fremde ein „famoser Bursche“ sei. Zwei Sachen drückten ihn aber dabei, und er hatte eine dunkle Ahnung, daß er sich mit ihm Du genannt und wußte nicht recht genau, ob er ein Vielliebchen mit ihm gegessen habe oder nicht. Aber er bezweifelte Beides wieder, als der Fremde zum Kaffee herunter kam und ihn sehr artig und förmlich „Herr Oberkellner“ nannte. Nachher ging er wieder hinauf auf sein Zimmer.
So verging der Tag und es neigte sich schon gegen Abend, als draußen vor der Küche ein kleines Intermezzo spielte. Lieschen nämlich, so kalt und gefühllos sie auch gegen die Aufmerksamkeiten des oft schwachen Herrn Louis blieb, und so schnippische Antworten sie seinen gewähltesten Redensarten entgegensetzte, besaß doch ein zartfühlendes Herz, das, wie das so oft in der Welt geschieht, einem Paar rothen Aufschlägen und überhaupt dem zweifarbigen Tuch nicht hatte widerstehen können. Der Sergeant Meier schien es mit Sturm erobert zu haben, und da sich die beiden jungen Leute bis dahin noch keinen eigenen Herd gründen konnten, begnügten sie sich vor der Hand mit dem des Hotel Müller; d. h. Lieschen steckte dem Geliebten, wo das nur immer verstohlen anging, aufgesparte Leckerbissen zu, und Sergeant Meier zehrte dann später in seiner eigenen Klause an diesen und seiner Liebe zu Elisabeth.
Die Abendstunde war dabei, als die passendste für derlei Ueberlieferungen, ausersehen worden, und die Sache schon eine lange Weile gut gegangen und unentdeckt geblieben. Heute wollte es aber Lieschen’s böser Stern, daß Herr Louis gerade in dem unseligen Augenblick den in die Küche führenden Gang betrat, als Sergeant Meier eben seinen Deputat-Topf unter den Mantel schob. Nach dieser Begegnung schien er aber ein längeres Zögern für unnöthig zu halten, grüßte den verdutzten Oberkellner steif und militärisch mit der Hand an der Mütze, machte rechtsumkehrt und verschwand durch die nächste Thür, während Lieschen in aller Verlegenheit über die Entdeckung nicht gleich wußte, ob sie sich ebenfalls entfernen oder bleiben sollte.
„So?“ machte aber Herr Louis, der seine Sprache wieder erlangte, als der handfeste Sergeant verschwunden war, ihren Zweifeln ein Ende; „das sind mir ja schöne Geschichten! Also das Essen schicken wir aus dem Haus, mischen uns in die Militärfrage, haben einen Sergeanten zum Liebsten und benutzen das Hotel Müller zu einer Speiseanstalt für verwahrloste Krieger?“
„Aber bester Herr Louis!“