„O ja, jetzt heißt es bester Herr Louis,“ fuhr aber der gereizte Oberkellner fort, indem er seine rechte Chausseeseite mit Gewalt zum Aufsträuben brachte „und sonst kann man kaum einen freundlichen guten Morgen über die Lippen bringen! Fräulein Lieschen — ich bedaure, diese Entdeckung gemacht zu haben.“

„Aber bester Herr Louis,“ fuhr das arme Mädchen fort, denn sie fürchtete jetzt nichts mehr, als daß es der beleidigte Oberkellner ‚der Frau‘ sagen würde, — „es war ja wirklich nur das erstemal und soll nie, nie wieder geschehen. — Ich hatte mir ja doch auch nur mein eigenes Abendbrot aufgehoben, weil ich gestern Abend nichts essen konnte.“

„Ihr eigenes Abendbrot, so?“ bemerkte aber Herr Louis spöttisch, „und das war wohl kein Truthahnbein, was aus dem Topf herausguckte?“

„Nichts wie ein Carbonadenknochen — wirklich, Sie können mir es glauben — und an dem überdies nur noch das halbe Fleisch!“ betheuerte das Mädchen. „Seien Sie doch nicht so häßlich; ich thue Ihnen ja auch Alles zu Gefallen, was ich nur kann.“

„Ja wohl,“ bemerkte Herr Louis, „nicht einmal ein Vielliebchen wollten Sie mit mir essen.“

„Ach, ich hatte in dem Augenblick gerade so viel zu thun. Warum sollte ich denn kein Vielliebchen mit Ihnen essen wollen; da ist doch gar nichts dabei. Wenn Ihnen das Freude macht, mit Vergnügen.“

Herrn Louis’ Herz schmolz. Selbst der Sergeant schwand in dem Augenblick in ein Atom zusammen. Während er noch unwillkührlich, wie ein dumpf nachgrollendes Gewitter, mit der linken Hand durch die entsprechende Chausseeseite fuhr, suchte die rechte schon in der Seite der Jackentasche ein paar gefangen gehaltene Knackmandeln, und mit den versöhnenden Worten: „Nehmen Sie sich nur um Gottes Willen in Acht, daß Ihnen die Frau nicht einmal bei einer solchen Militärversorgung in den Weg läuft,“ brach er die Mandel auf und reichte Lieschen die eine Hälfte des Zwillingspaares.

„Aber passen Sie auf, Herr Louis, ich gewinne es Ihnen ab.“

„Darauf riskir ich’s!“ versicherte der Oberkellner, indem er seine Hälfte auf den Kopf biß.

„Aber unten in der Wirthsstube gilt es nicht, Herr Louis,“ verwahrte sich Lieschen, „denn wo man seinen Dienst hat, kann man nicht an solche Sachen denken.“