„Kommen Sie mit hinauf auf mein Zimmer. Was wir mit einander zu reden haben, können wir doch nicht hier auf der Hausflur abmachen.“

Frau Müller war in der That noch eine rüstige, selbst hübsche Frau von stattlichem Aeußern, nur mit einem sehr entschiedenen fast männlichen Benehmen, wie es freilich ihre lange selbstständige und unabhängige Stellung mit sich gebracht, und die Fremde schien sich beim ersten Begegnen gedrückt davon zu fühlen. Das verlor sich aber bald, oder milderte sich wenigstens bei einer längeren Unterhaltung, die das Interesse Beider in Anspruch nahm.

Frau Müller suchte nämlich eine Wirthschafterin, und die eben eingetroffene Frau brachte ihr einen Empfehlungsbrief von einer Freundin, in dem sie ihr das beste Zeugniß gab und ihr Engagement warm befürwortete. Die Frau hatte oben im Zimmer, als sie nur eben Hut und Tuch abgelegt, den Brief noch einmal aufmerksam durchlesen und sagte dann, sich schon mit einem viel freundlicheren Gesicht zu der Fremden wendend:

„Also Sie haben Lust bei mir die Wirthschaft zu führen und glauben derselben vorstehen zu können? — Aber bitte, setzen Sie sich doch — Sie sind mir hier durch Frau Ludloff warm empfohlen worden.“

„Ich habe wenigstens den besten Willen,“ sagte die Fremde schüchtern, indem sie der Einladung Folge leistete.

„Und Ihr Name ist? — meine Freundin nennt Sie hier in dem Brief nur bei Ihrem Vornamen, Therese.“

„Wie der Ihrige — Müller!“

„Der Name ist allerdings ziemlich allgemein. Sie waren verheirathet?“

„Ich bin es noch,“ seufzte die Fremde, „aber mein Mann verließ mich vor fünfzehn Monaten schon, um irgendwo eine Beschäftigung für sich — eine Heimath für uns zu suchen und — kehrte nicht zurück — schrieb auch nicht, und ich kann jetzt nicht anders glauben, als daß ihn irgendwo ein Unglück betroffen hat. Bis jetzt ernährte ich mich auch mit weiblichen Arbeiten, denn Vermögen besaßen wir nicht — aber diese werden ja zu ärmlich bezahlt; meine Augen verhinderten mich außerdem, Abends bei Licht zu arbeiten, und ich sah bald, daß ich mich damit nicht am Leben erhalten konnte. Da rieth mir Frau Ludloff, die mich viel beschäftigt und sich stets sehr freundlich gezeigt hatte, mich an Sie zu wenden, und da sie selber glaubte, ich würde diese Stelle zu Ihrer Zufriedenheit ausfüllen können, so — wagte ich es, mich Ihnen vorzustellen. Wollen Sie einen Versuch mit mir machen, so werde ich gewiß Alles thun, was in meinen Kräften steht, mir Ihre Zufriedenheit zu erwerben.“

Ein eigener schmerzlicher Zug hatte sich über das Antlitz der Wirthin gelegt, als sie dem einfachen und doch so wehmüthigen Bericht der Fremden lauschte; schilderte diese doch auch einen Theil ihrer eigenen Geschichte, wenn sie selber auch nie mit Nahrungssorgen zu kämpfen gehabt. Aber sie wußte dafür um so besser, wie weh es thut, den Gatten zu verlieren und dann noch Monate — Jahre lang zu zweifeln, ob er wirklich verloren sei — zu hoffen, daß er wiederkehre, und dann seine Hoffnung immer und immer wieder getäuscht zu sehen. — Und was mußte die arme Frau Alles durchgemacht haben, die da still und in ihr Geschick ergeben vor ihr saß und sich ihren Weg durch dieses Leben allein und freundlos nun erkämpfen mußte. — Sie fühlte tiefes Mitleiden mit ihr und beschloß, sie jedenfalls anzustellen. Zeigte sie sich dann auch nicht gleich in allem Anfang recht geschickt für ihren neuen Dienst, so ließ sich ja Alles lernen, wenn man nur ein wenig Geduld mit ihr hatte.