Allerdings wollte Degmar nicht den „Pastor“ dabei haben, der ihnen, wie er fürchtete, noch einen Querstrich durch das Ganze machen könne. Ohlers aber, der seine Leute besser kannte, behauptete, ohne den nicht fertig werden zu können, und da er es selber übernahm, die Wittwe sowohl als den Geistlichen für ihren Plan zu gewinnen, fügte sich Degmar endlich auch in dieser Hinsicht.
Viertes Kapitel.
Das Abschieds-Souper.
Ohlers hatte sich übrigens, mit ein paar Gläsern Ungarwein im Kopf, die Sache viel leichter gedacht, als sie sich wirklich herausstellte. Wie er, noch an dem nämlichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber ging, fühlte er doch, daß er zu einer solchen Aufgabe bei vollkommen klarem Verstande sein müsse, und verschob deßhalb den ersten Sturmlauf auf den nächsten Vormittag — aber selbst da wurde er abgeschlagen. Die Frau hörte kaum, um was es sich handelte, als sie sich auf das Entschiedenste weigerte, dazu ihre Hand zu bieten. Sie sei, wie sie jetzt offen und ohne Scheu gestand, dem Doktor recht von Herzen gut und würde sich glücklich fühlen, seine Frau zu werden, aber — sie könne, um das zu erreichen, nie zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, das sie später ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres Gatten herabsetzen, ja ihr seine Liebe ganz entziehen müsse.
Ohlers kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war so vernünftig und ehrlich dabei, daß all’ seine Spitzfindigkeiten scheel und nichtig dagegen erschienen, und nach einer Stunde vergeblichen Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperson selber ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Pastor, aber mit kaum besserem Erfolg. Umbreit gestand ihm allerdings zu, daß — wie er sich Alles ausgedacht — nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes an der Handlung sei, da es ja überhaupt nur galt, einen unglückseligen Wahn zu besiegen, und beide betreffende Theile, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch das Gelingen der List glücklich gemacht würden, aber er selber werde sich nie dazu verstehen, der Wittwe zuzureden. Früge sie ihn darum, gut, so werde er ihr das Nämliche sagen, was er jetzt Ohlers gesagt habe — aber weiter nichts — und dabei blieb es.
Degmar war außer sich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem tollen Streich abzuhalten, da er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, der Wittwe einen Mann zu verschaffen. Er wollte auch absolut zum Doktor gehen und diesem die Wahl lassen, augenblicklich um die Hand der Frau Reuter anzuhalten, oder sich mit ihm zu schießen, und konnte nur mit der größten Mühe überzeugt werden, daß er dadurch, wenn er den beabsichtigten Bräutigam todtschieße, unmöglich seinen Zweck erreichen würde.
Der Doktor selber nahm aber ihre Aufmerksamkeit bald auf sehr ernste Weise in Anspruch, denn er wurde schwer krank und verfiel in ein nervöses hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwartung, die kaum dazu gebracht werden konnte, sein Zimmer rein zu halten, und sich um den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte.
Degmar wich in der Zeit fast nicht von des Doktors Seite. Er ließ sich seine Matratze hinüber schaffen und saß ganze Nächte bei ihm auf, und nur Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäste aus dem Lindenbaum wechselten mit ihm ab, daß er sich manchmal die nöthigste und unentbehrlichste Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an seinem Wiederaufkommen; endlich aber siegte seine urkräftige Natur doch, und er erholte sich langsam.
Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an seinem Bett gewacht, und seinen tollen Phantasien gelauscht. Alles aber, was er in seinem besinnungslosen Zustand sprach, bezog sich nur immer auf den Lindenbaum und auf jenen bösen Feind, der seines Schicksals Fäden in der Hand hielt und mit seiner Keule bereit stand, um ihn — sowie er nur den Arm nach dem erhofften Glück ausstreckte — erbarmungslos damit zu Boden zu schlagen. Der arme Teufel fühlte sich, all’ seinen Reden nach, namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen Thränen an den Backen nieder.
Die Frau Reuter verbrachte indessen eine kaum minder schwere Zeit. Wie gern hätte sie ihn gepflegt, aber durfte sie es denn? hatte sie ein Recht dazu? Hundertmal stand sie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber eben so oft verwarf sie auch den Entschluß, und saß so eines Abends auch wieder, still weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in’s Zimmer trat und ruhig sagte: