Sie fanden Peters wirklich noch sehr leidend, aber doch nicht mehr besinnungslos, und als er die Frau erkannte, flog ein mattes Lächeln über seine bleichen Züge. Reden konnte er nicht, aber er drückte ihr still die Hand, und schloß dann die Augen, als ob er schlafen wolle. — Sie mußten ihn auch in Ruhe lassen und durften ihn besonders nicht aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hause zurückbegleitete, erzählte er ihr, mit was sich des Kranken Phantasien die ganze Zeit beschäftigt, wie er sich elend und verlassen fühle, und doch nicht die alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis er sie endlich so weit hatte, daß sie weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse — dann empfahl er sich und ging wieder nach Hause.
Und der Doktor erholte sich wirklich. Degmar hatte — als das Schlimmste mit ihm überstanden war — Briefe aus New-York bekommen, die seine Anwesenheit dort nöthig machten. Er hielt sich aber nicht lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder auf und munter, und außer einer etwas bleichen Gesichtsfarbe wohl aussehend. Aber er hatte den „Lindenbaum“ noch nicht wieder betreten — die Wittwe seit jenem Abende, an dem sie ihn besuchte, nicht wieder gesehen, und traf jetzt alles Ernstes seine Vorbereitungen, nicht allein Pittsburg, sondern überhaupt Pennsylvanien zu verlassen. Der Antheil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in sicheren Händen, so daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er selber hatte, wie er sagte, die Absicht, nach Arkansas überzusiedeln, und sich dort eine kleine Farm zu kaufen.
Seine Abreise war auf Montag in acht Tagen festgestellt, und Degmar, der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt auch Pastor Umbreit gezogen wurde, schien seine Abreise nach Missouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben.
Zu dem Zwecke hatte er sich auch mit dem Doktor Peters verabredet, am Sonntag Abend vorher ihren gemeinschaftlichen Freunden einen Abschiedsschmauß zu geben, und der Doktor war damit vollkommen einverstanden. Es handelte sich nur noch darum: in welchem Lokal, denn anfangs weigerte er sich entschieden, diesen „Lebensabschnitt“ im Lindenbaum zu feiern. Ohlers aber und Alle, die er darüber sprach, erklärten ihm auf das Bestimmteste, daß er gar keinen andern Ort wählen könne, als den, wo sie schon so viele vergnügte Abende mitsammen verlebt, daß wenigstens Keiner von ihnen Allen einen andern besuchen würde, da sie nicht Willens wären, die Frau Reuter bis auf’s Blut zu kränken.
Degmar selber entschied sich ebenfalls für den Lindenbaum; er habe, wie er meinte, noch kein anderes Wirthshaus hier in Pittsburg betreten, und wolle damit nicht den letzten Abend anfangen; es sei auch schon alles dort bestellt, und wolle der Doktor absolut keinen Theil daran nehmen — und er begreife nicht, was er gegen den Lindenbaum habe — so möge er es auch selber dort absagen.
Der Doktor sah sich überstimmt — und ließ sich vielleicht gern überstimmen — zog es ihn doch selber noch einmal zum alten Platz, und Abschied von der Frau Reuter hätte er ja überdies nehmen müssen. Er konnte doch die Stadt nicht verlassen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben.
Dabei blieb es also. Sonntag Abend um sieben Uhr sollten sie dort zusammen kommen — Montag Mittag ging der Dayton, ein kleiner guter Dampfer, den Strom hinab bis Cairo, an der Mündung des Ohio in den Mississippi, und auf dem wollten dann Beide zusammen Passage nehmen. In Cairo fanden sie nachher jeden Tag Gelegenheit, mit einem der Mississippidampfer entweder nach St. Louis gen Norden oder nach Arkansas gen Süden weiter zu fahren.
Der Sonntag kam, und in dem Hause der Frau Reuter herrschte eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit, denn nicht allein wurde hergerichtet, was Speisekammer und Küche vermochten, sondern die Wirthin selber schien außerordentlich erregt und kam den ganzen Tag nicht von den Füßen.
Erst hatte sie dabei mit dem Herrn Ohlers eine lange Zusammenkunft, dann, nach der Kirche, mit dem Pastor Umbreit, der endlich auch einer günstigeren Auffassung der Sache gewonnen schien. Hatte er doch den Doktor selber ein paar Mal in seiner Krankheit besucht, auch einmal eine Nacht bei ihm gewacht und sich dabei wohl überzeugen können, wie schwer der unglückselige Wahn auf seinem Geist lag, und wie unmöglich es sein würde, ihn auf gewöhnlichem Wege zu bannen. Er selber weigerte sich allerdings auf das Entschiedenste, mit dem eigentlichen Plan irgend etwas zu thun zu haben — wenn auch nichts weniger als bigott, durfte er das schon seiner Stellung wegen nicht, der Gemeinde gegenüber, wie aber jetzt alles modificirt worden, hatte er wenigstens nichts mehr dagegen einzuwenden, und glaubte selber, daß es zum Guten ausschlagen könne, noch dazu, da ihm die Frau erklärte, sie sei dem Doktor wirklich von Herzen gut, und wolle selbst der Gefahr trotzen, ihren guten Ruf zu gefährden, nur um ihn wieder gesund und vielleicht glücklich zu machen.
So rückte der Abend heran, und eine der Hinterstuben des Hauses war für die heutige kleine Gesellschaft hergerichtet, damit sie nicht im gewöhnlichen Gastzimmer durch zufällig eintreffende Fremde gestört würden. Die Gesellschaft hatte es sich aber ausbedungen, daß Frau Reuter heute Abend selber an ihrem Tische präsidiren müsse, die beiden scheidenden Gäste saßen dann — der Doktor an ihrer Rechten und Degmar an ihrer Linken — Ohlers hatte seinen Platz neben dem des Doktors belegt, Pastor Umbreit saß der Wittwe gegenüber, am andern Ende der Tafel.