Ohlers hatte die Zettel geschrieben und die Plätze geordnet. Er war mit Degmar noch allein im Zimmer.

„Hören Sie einmal, Degmar,“ sagte er, als das Mädchen, das eben eine Anzahl Gläser herein gestellt hatte, wieder hinaus gegangen war, „wissen Sie wohl, daß ich jetzt verfluchtes Herzklopfen kriege? Es ist doch eigentlich eine verwünschte Geschichte, und wenn es schief geht, kann ich nur meine Apotheke verkaufen und auswandern, denn hier im Lindenbaum dürft’ ich mich nicht wieder blicken lassen.“

„Ach was schief gehen,“ lachte Degmar — „einen Hauptspaß giebt’s, und das Einzige, was mir leid thut, ist, daß ich morgen früh nicht die erste Scene mit erleben kann.“

„Ja,“ sagte Ohlers, „Sie haben gut lachen, Sie scheeren sich den Henker darum. Wenn hier was passirt, schultern Sie Ihr altes Schießeisen und verschwinden im Urwald, aber wir sitzen in der Falle drin, und nachher wär’ der Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.“

„Haben Sie Furcht?“ lachte Degmar.

„Furcht,“ sagte Ohlers verächtlich — „was heißt Furcht? Wenn ich mich fürchtete, käm’ ich heute dem Lindenbaum nicht zu nahe, und da liegt mein Couvert. Das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte, ist, daß ich mich blamire, und das wäre eine ganz nichtswürdige Pastete — ich würde hier in Pittsburg meines Lebens wahrhaftig nicht wieder froh. — Aber es kann jetzt nichts mehr helfen,“ setzte er mit einem Seufzer hinzu — „der Stein rollt, und wir müssen ihn eben laufen lassen.“

Der Stein rollte wirklich, denn in diesem Augenblick kam der Doktor selber, etwas verlegen zwar, da er sich hier so lange nicht hatte blicken lassen, aber doch vollkommen entschlossen, heute, am letzten Abend, noch ein fröhliches Gesicht zu zeigen, und Niemanden merken zu lassen, wie weh und unbehaglich ihm eigentlich zu Muthe sei. In Wirklichkeit war ihm aber ebenso zu Sinne, wie dem „Peter in der Fremde“ beim Auswandern, und er fürchtete sich selber vor einem Kreuzweg; aber es half jetzt einmal nichts: er hatte seinen Entschluß gegen alle seine Freunde ausgesprochen, die Vorkehrungen waren getroffen worden, und nach dem heutigen Abschiedsessen hätte er doch überdies nicht länger in Pittsburg bleiben können, ohne sich lächerlich zu machen. — Nur ein wenig rasch war es ihm selber vorgekommen — etwas zu rasch. Ein paar Tage würde er vielleicht noch zugegeben haben, aber der verwünschte Degmar trieb ja so und schien so entsetzliche Eile zu haben, daß er sich selber verleiten ließ, ihm die Zusage seines Mitgehens zu geben. Jetzt war es geschehen, an der Sache nichts mehr zu ändern — und es war auch vielleicht das Beste so, denn was hätte längeres Zögern überhaupt noch genützt.

Am Peinlichsten war ihm das erste Begegnen mit der Frau Reuter, denn er fürchtete, daß sie ihm Vorwürfe seines langen Ausbleibens wegen machen werde — aber nichts derartiges geschah. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn wie immer, und frug ihn nur nach seiner Gesundheit, und ob er sich jetzt wohl und kräftig genug fühle, eine so weite Reise anzutreten.

Bald kamen auch die übrigen Gäste hinzu, und Peters, der die ganzen letzten Wochen ein wahres Einsiedlerleben geführt, schien etwas aufzuthauen, als er sich in dem alten befreundeten Kreise befand, und von Allen so herzlich begrüßt wurde. Aber Niemand von Allen spielte auch nur auf die baldige und beabsichtigte Trennung an. Es war, als ob sie nur einfach einmal hier, wie vor alten Zeiten, wieder zusammen gekommen wären, und keinen weiteren Zweck hätten, als sich zu amüsiren — wer dachte da an Abschiednehmen oder sonst etwas Trauriges.