Und jetzt wurde die Mahlzeit aufgetragen, und die Köchin hatte sich heute wirklich selber übertroffen, denn Alles, was Wald, Feld oder Strom bot, und sonst käuflich in der Stadt gewesen war, prangte auf der unter ihrer Last fast brechenden Tafel. Trotzdem blieb die Unterhaltung im Anfang sehr einsilbig, denn alle die Hauptpersonen, die sonst Leben und Bewegung in das Ganze gebracht, saßen heute still und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und mußten ordentlich geweckt werden, um nur eine an sie gerichtete Frage zu beantworten.
Der junge Degmar schien noch der Einzige, dem man eine innere Aufregung nicht anmerken konnte, und er wußte auch Ohlers zuletzt so aufzurütteln, daß er sich wenigstens gewaltsam zusammen nahm. War es doch den anderen Tischgästen schon aufgefallen, denn daß der Abschied des Doktors ihn nicht so niedergedrückt haben konnte, lag auf der Hand.
Der Doktor war der Stillste von Allen und augenscheinlich gerührt. Seine Nachbarin hatte ihn nach dem Verlauf seiner letzten Krankheit, nach seinen nächsten Plänen und Hoffnungen gefragt, und die Augen wurden ihm feucht, wenn er daran dachte, wie er ja all’ seinen Hoffnungen und Plänen entsagen müsse, nur des einen entsetzlichen Schreckbildes wegen, das sich drohend zwischen ihn und sein Glück stellte.
Jetzt endlich wurde aber Ohlers wieder warm. Er hatte das erste, unbehagliche Gefühl abgeschüttelt, und nur einmal in Gang gebracht, und er fühlte sich wieder er selber. Selbst den Doktor brachte er zuletzt mit seinen Späßen und Erzählungen zum Lachen, und je mehr der Wein den Gästen in die Köpfe stieg, desto lauter und lustiger wurden sie, und fingen zuletzt an, sich vortrefflich zu amüsiren.
Der Doktor selber hatte anfangs keinen Wein trinken wollen. Dagegen wurde aber augenblicklich Protest eingelegt, ja sein anwesender Arzt, Doktor Becker, erklärte sogar, daß er jetzt tüchtig guten und starken Wein trinken müsse, um wieder zu Kräften zu kommen und die letzten Nachwehen seiner Krankheit los zu werden.
Und der Wein schmeckte ihm — Ohlers trank ihm wacker zu, und sorgte dafür, daß sein Glas nie leer wurde — ein Toast nach dem andern wurde ausgebracht, und das Unglaubliche geschah: der Doktor fühlte sich so angeregt, daß er sang.
Jetzt hielt es aber Frau Reuter an der Zeit, sich zurückzuziehen; sie stand geräuschlos auf und verließ das Zimmer; die Mädchen wurden ebenfalls abgerufen und einem der Kellner oder barkeeper die Bedienung der Herren überlassen, und nun begann das eigentliche Gelage, das etwa bis um Mitternacht dauerte, und eine eigene Wirkung auf Dr. Peters auszuüben schien.
Anfangs war er ganz ausgelassen und lachte und erzählte und sang, Alles durcheinander — zuletzt fing ihm die Zunge an schwer zu werden. Ohlers mischte ihm ein Glas Limonade, die er auf einen Zug leerte; aber er wurde bald sehr schläfrig. Er setzte sich von der Tafel ab auf das Sopha, und schlug noch eine Weile mit dem rechten Fuß den Takt zu dem Gesang der Uebrigen — dann lag er ganz still, und zuletzt war er tief und fest eingeschlafen. Niemand bekümmerte sich auch die erste halbe Stunde um ihn, sobald aber Ohlers sah, daß der Kellner beschäftigt war neuen Weinvorrath herbeizuschaffen — und er selber gab ihm dazu noch verschiedene Aufträge — winkte er Degmar und Dölzig, und die drei faßten den Schlafenden auf — allerdings kein leichtes Stück Arbeit, und trugen ihn hinaus.
„Hallo, wo wollt Ihr mit dem Doktor hin?“ lachte Einer der Zechenden.
„Ihn zu Bett bringen — er liegt hier schlecht,“ sagte Ohlers, „wir sind gleich wieder da,“ und durch die Thür verschwanden sie mit dem Bewußtlosen.