„Hm“, meinte der Fremde, indem er einen Blick auf seine Fußbekleidung warf, der eine Bürste eben keinen Schaden gethan haben würde, „jetzt nicht, später. Kann man hier logiren?“

Das war eine Frage, die den Hausknecht nichts anging, und ohne sie deshalb einer Antwort zu würdigen, drehte er sich auf seinen Pantoffeln wieder um und schlappte aus dem Zimmer.

Der Fremde sah ihm nach und lachte still vor sich hin; andere Gedanken gingen ihm aber doch durch den Kopf, um sich lange mit dem faulen Burschen zu beschäftigen. Er trank seinen Kaffee, stürzte den Cognac hinterher, nahm dann eine schon etwas stark gebrauchte Cigarrendose aus der Tasche und zündete sich mit einem Feuerzeug, das er ebenfalls bei sich führte, eine Cigarre an.

Das Stubenmädchen, ohne sich indeß dabei in ihrer Arbeit stören zu lassen, betrachtete sich den Fremden kopfschüttelnd, denn sie konnte nicht recht klug aus ihm werden.

Es war in der That eine etwas wunderliche Persönlichkeit, und wenn er auch anständig gekleidet ging, lag doch in seinem ganzen Wesen wieder etwas, das man hätte genial nennen können, das aber eigentlich an das Liederliche und Verkommene streifte. Er trug einen weiten leichten Paletot, wie ihn Künstler gewöhnlich tragen, einen breitrandigen, schwarzen, etwas zerdrückten Hut von feinem weichen Filz, gestreifte Beinkleider und lilla Glacéhandschuhe, aber seine Wäsche war nicht tadellos rein, und konnte nur vielleicht damit entschuldigt werden, daß er eben von der Reise kam. Trotzdem würde er entschieden anständiger ohne die unechte Tuchnadel ausgesehen haben.

Für den Mann ist jeder goldene Zierrath unpassend, aber entsetzlich, wenn er auch noch unecht ist, und kann eigentlich nur bei Weinreisenden entschuldigt werden.

Seinem Aussehen nach mochte der Fremde etwa in den Vierziger Jahren stehen; sein Alter ließ sich aber nicht genau erkennen, da der volle braune Bart und der breitrandige Hut das Gesicht ziemlich verdeckten. Im Bart selber zeigten sich aber schon kleine graue Flecke, die Schatten, die der sinkende Abend auf uns wirft, und nur seine Bewegungen waren noch lebendig und fast jugendfrisch.

Er hatte den Rauch in dichten Wolken ausgeblasen und ein paarmal auch den Kopf nach dem Mädchen umgedreht, als ob er sie anreden wollte, es aber immer wieder unterlassen. Da ging die Thür auf und „Mosje Louis“, der Kellner trat ein. Mosje Louis war in der That „jeder Zoll ein Kellner“.

Er erschien spät, aber er erschien seiner würdig, in vollem, nichts zu wünschen übrig lassendem Ornat, die schwarze Tuchjacke sauber abgebürstet, die großcarrirten Hosen nach dem neuesten Schnitt und sehr eng, die Wäsche untadelhaft, mit allem nur darauf anzubringenden Zubehör von Tuchnadel, Chemisett- und Hemdknöpfchen, Berloques, Kette und Ringen; und das Toupet. Es war in der That makellos und über beiden Ohren hoch und gelockt auflaufend, während gerade auf der Mitte des Kopfes eine wahre Chaussee von einem Scheitel schnurstracks hindurch bis hinten hinunter in die himmelblaue Halsbinde lief.

Schade, daß seine etwas stumpfe Nase nicht mit dem Ganzen harmonirte. Selbst dem geistreichsten Gesicht giebt außerdem ein in der Mitte gescheiteltes Haar stets einen „minder geistreichen Ausdruck“, um mich so artig wie möglich auszudrücken, und Mosje Louis besaß unglücklicher Weise nicht einmal ein geistreiches Gesicht. Er sah eigentlich schon, ohne künstliche Vorrichtung, von Natur etwas dumm aus. Aber jene glückliche Selbsttäuschung, die den Schwindsüchtigen mit frischer Lebenshoffnung erfüllt, half auch Mosje Louis über diese weit geringere Unbequemlichkeit des Lebens hinweg. Er selber hielt sich für schön, ja für unwiderstehlich, und sein kleiner Unterkellner, der leider jetzt im Bett lag und krank war, wollte sich über seine Witze immer vor Lachen ausschütten.