Der Schotte stand mit vorn am Bug, als sie das auf den Corallensand gezogene Boot wieder in tiefes Wasser schoben. Wie Spund aber bei ihm vorbei an Bord stieg, flüsterte er ihm zu. „Bringe Hülfe, oder wir sind verloren!“
„Ja, aber!“ rief Spund ganz verblüfft, da er der erhaltenen Befehle Toanongas gedachte. Mac Kringo ließ sich jedoch auf keine weitere Erklärung ein, im nächsten Augenblick war das Boot flott, und die beiden Indianer ruderten es rasch dem Eingang der Bai entgegen.
5.
Mac Kringo war jetzt mit seinem Plan im Reinen; die Kameraden durften keinen Fluchtversuch im Canoe machen, so lange noch der Capitain des Schooners am Ufer gefangen gehalten wurde. Ihre einzige Rettung lag im Gegentheil darin, daß sie mit der Verstärkung vom Schooner, die jedenfalls Gewehre mitbrachte, ihre eigene Schaar herbeizogen, und dann den Indianern weit eher die Spitze bieten konnten. Langsam ging er deshalb auf die, seinen Schiffsgenossen schon im Voraus bezeichnete Corallenbank hinaus, blieb dort einen Augenblick stehen, und kehrte dann zum Ufer zurück. Er wußte jetzt, daß er die Kameraden bald in der Nähe hatte, und gelang es ihnen dann, sich bei dem Boote zusammen zu drängen und dieses in Besitz zu nehmen, so durften sie hoffen, ihre Flucht glücklich zu bewerkstelligen.
Allerdings waren alle in der Nähe wohnenden Indianer an der Landung versammelt, da Toanonga seine Leute zusammen halten wollte, um die vier Matrosen in Empfang zu nehmen. Gelang es ihnen jedoch, das Boot zu besetzen, so hatten sie dadurch auch wieder den Vortheil, daß die Indianer die wohl eine Viertelstunde entfernt liegenden Canoes nicht so rasch erreichen konnten und ihnen einen tüchtigen Vorsprung lassen mußten. In dem Bewußtsein freilich, daß sich jetzt der entscheidende Augenblick näherte, und daß ihnen entweder Freiheit winkte, oder im Falle des Mißlingens die größte Gefahr von den gereizten Eingeborenen drohe, schlug ihm das Herz stürmisch und ängstlich in der Brust. Die Minuten dehnten sich ihm zu Stunden aus, und in der Unruhe, in der er sich befand, schritt er den Büschen zu, vielleicht einem der Kameraden zu begegnen und ihm Vorsicht zu empfehlen.
Dort kam er an Toanonga's Haus vorbei, und wenn die Eingebornen auch eines Häuptlings Wohnung nicht betreten dürfen, besonders wenn sich die Frauen darin aufhalten, ohne von ihnen dazu aufgefordert zu sein, hatte man es mit ihm, der als ein Häuptling der Weißen und als ein Fremdling betrachtet wurde, nie so genau genommen. Im Gegentheil war er von Anfang an den Frauen stets willkommen gewesen, da er, der Sprache mächtig, ihnen viel vom Lande und von den Frauen der Papalangis erzählen konnte. So trat er auch jetzt einen Augenblick hinein, um die ihm nachschauenden Indianer glauben zu machen, er schlendre nur wie gewöhnlich absichtslos in der Nachbarschaft umher.
Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als Mac Kringo.
Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit dem sie nach [Hapai] hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.
Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn, zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs gewärtig seien.
Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.