»Freunden?« rief Lloko, verächtlich den Kopf zurückwerfend. »Der Verräther hat keinen Freund, seit er Lloko geschlagen. Kommt – kommt!« rief sie plötzlich, sich gewaltsam empor raffend, und den Arm Tolmers ergreifend, »ich will Euch führen. Wie ein Dingo auf der Fährte des speergetroffenen Känguruh, will ich an seinen Schritten hängen. – Kommt – er hat mich geschlagen – der Kopf brennt mir, wo mich seine Hand traf – wenn der Schmerz nachläßt, hab' ich die Rache vielleicht vergessen.«

Ihren Mantel dabei fester um sich herschlagend, drückte sie die ihr nachstehenden Männer zurück, dort wo Gentleman John vorbeigesprungen, die frischen Spuren wieder aufzufinden.

Morris hielt es nun freilich für bedenklich, der Führung einer Schwarzen, die sie eben so gut zum Besten haben konnte, zu vertrauen. Tolmer aber kannte die Eingebornen besser. Er begriff, welche Leidenschaft in diesem Augenblick in dem Herzen des armen, verrathenen Weibes wühlte, und bedachte sich keinen Augenblick, den, ihrem Zweck günstigen Moment zu benutzen.

Lloko hatte indessen, trotz des trockenen Bodens und darüber gestreuten dürren Laubes die Spuren der beiden Männer rasch aufgefunden, und folgte ihnen, ohne sich nach den Weißen auch nur weiter umzusehen. Diese waren indessen durch den größten Theil des letzten Trupps der Polizeisoldaten noch verstärkt worden, da der seeuntüchtig gemachte Schooner den etwa am Strand befindlichen Verbrechern keinen Weg zur Flucht mehr bot, und nur erst, als Lloko an dem Pfad vorbei eilte, der, wie Tolmer recht gut wußte, nach dem Versteck des Torrensberges hinüber führte, hielt er es für nöthig, ihre schwarze Führerin darauf aufmerksam zu machen.

Lloko erwiderte aber kein Wort. Nur mit der ausgestreckten Hand deutete sie auf den Boden vor sich, auf dem die Weißen allerdings auch nicht das Zeichen einer Fährte mehr entdecken konnten, und schritt weiter. – Folgte doch kein Schweißhund je der Spur des angeschossenen Wildes sicherer als sie den Fährten des Mannes, für den sie einst Vater, Mutter und Stamm verlassen, und der es jetzt gewagt hatte, sie zu mißhandeln.

So blieben sie in den Spuren des Räubers bis der Abend dämmerte und eine weitere Verfolgung unmöglich machte. Das wildeste Dickicht hatten sie dabei zu passiren, Stellen, an denen sich die Weißen in den Känguruhdornen oft nur so Bahn brechen konnten, daß sie sich mit Schulter und Rücken hindurch preßten. Die halbnackte Indianerin achtete nicht darauf. Ihren Fellmantel um sich geschlagen und rücksichtslos, ob ihr die Dornen Arm und Füße wund rissen, war sie den Spuren gefolgt, bis sie die Dunkelheit zwang, davon abzugehen, und in der Fährte selber kauerte sie nieder unter einen Baum, verhüllte ihren Kopf mit dem Opossum-Mantel und weigerte sich sowohl zu dem bald darauf von den Weißen entzündeten Feuer zu kommen, als irgend eine Nahrung von ihnen anzunehmen.

Tolmer, der die Schwarze übrigens sich vollkommen selber überließ, begriff allerdings noch nicht recht, wo hinaus zu die beiden Verbrecher geflohen sein könnten, denn daß Gentleman John mit seinem Begleiter nach Marsden Point zurückkehren würde, war ihm nicht wahrscheinlich. Nichts desto weniger vertraute er dem Scharfsinn der Schwarzen genug, nicht an ihrer richtigen Führung zu zweifeln und beschloß, jedenfalls noch bis morgen Mittag ihrer Leitung zu folgen.

Am nächsten Morgen waren sie schon vor Sonnenaufgang wieder gerüstet, und sobald nur der dämmernde Tag Licht genug in den Wald warf, die Spuren wieder zu erkennen, folgte ihnen Lloko mit altem Eifer.

Kaum eine Stunde aber war sie darauf hingegangen, als sie plötzlich stehen blieb und die Nase emporhob, wie ein Hund es thut, wenn er das Wild wittert.

»Komm, komm, Lubra,«[11] sagte aber Morris, der es bemerkte, und dem das nicht gefallen mochte, »guck auf den Boden und laß die Faxen. Daß Du ein Auge wie ein Falke hast, kann ich bezeugen, denn wo nur irgend der Boden weich war, haben wir die Fährten der beiden Schufte hinter Dir gefunden; aber auf das Riechen wollen wir uns doch lieber nicht verlassen.«