Jack wollte nun zwar, daß die Frauen gleich mitgingen, und daß sie den Wagen indessen allein dastehen ließen, denn allen Nachrichten zufolge herrschte hier oben die größte Ehrlichkeit, und Diebstähle sollten auch nicht in einem einzigen Falle vorkommen. Der Alte meinte aber, man dürfe Niemanden zu viel trauen – Gelegenheit mache Diebe – und es sei viel besser, sollten sich wirklich schlechte Charaktere hier oben in den Minen aufhalten, diese so wenig als möglich in Versuchung zu führen.
Der Alte hatte vielleicht recht und Jack schlenderte mit ihm allein fort. Vor allen Dingen gingen sie erst einmal nach dem Fluß hinunter, sich die Arbeit dort anzusehen und schon von weitem schallte ihnen das monotone Klappern der Waschmaschinen und das Plätschern des übergeschütteten Wassers entgegen. Es war aber das keineswegs ein unangenehmes Geräusch für sie – sie hatten sich lange darauf gefreut, das zu hören, und Jack wünschte sich nur, als sie so nebeneinander hinschritten, die Zeit herbei, daß er selber an einer Maschine sitzen und sie so recht aus Leibeskräften schütteln könne. – »Es muß doch prächtig aussehen,« meinte er dabei treuherzig, »wenn das Gold da so unten drin liegt und einem entgegenfunkelt.«
Als sie aber dicht zum Fluß hinunterkamen, sah der Ort doch wilder und – ich möchte fast sagen – bösartiger aus, als sie – wenigstens Jack – erwartet hatten ihn zu finden. Ueberall waren tiefe Löcher gegraben und theils verlassen, theils auch ausgearbeitet – oder auch vielleicht nicht ausgearbeitet: denn rechts und links und oben und unten war die Erde manchmal noch gar nicht berührt, oder es lagen schrecklich hohe Steinhaufen obendrauf, die eine entsetzliche Mühe gekostet haben mußten von unten herauszuschaffen. Dicht am Fluß aber – das heißt einem kleinen schmutzigen, an manchen Stellen vielleicht tiefen Bergbach, an dem man aber hie und da trocken hinübergehen konnte – saßen die Wäscher mit ihren Maschinen oder Wiegen, und andere, die vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt davon ihr Loch gegraben hatten, trugen ihnen in Eimern die goldhaltige Erde zum Auswaschen zu, klappten hie und da einmal das Sieb in die Höhe, um zu sehen, ob sich inwendig etwas erkennen ließe, oder blieben auch wohl ein paar Minuten stehen, wenn der Wäscher vielleicht gerade die Maschine ausräumte oder eine Probepfanne voll auswusch.
Am meisten interessirte Jack aber eine Abtheilung von Leuten, die an der andern Seite des Turon arbeiteten und ihre Löcher wohl zehn und zwölf Fuß über dem Fluß, an dem dort gerade ziemlich steilen Hang des Berges eingegraben hatten. Die Erde hatten sie hier etwa vier Fuß abgedeckt – d. h. ein Loch, um zu der Golderde zu kommen, vier Fuß tief gegraben, und wuschen jetzt frisch drauf los. Um aber die Erde zum Waschen bequem hinunter zu der schräg unter ihnen stehenden Maschine zu bekommen, hatten sie lange Rinnen von Baumrinde gemacht und schaufelten jetzt nur oben ein, während der an der Wiege Stehende die Erde unten wegnahm und durchwusch. Die Leute sollten sich ziemlich gut stehen, und – wie es dortherum hieß – ein »schönes Tagelohn« machen.
Dicht daran war das sogenannte »golden point,« eine Biegung im Turon, wo sich die reichsten deposits gesammelt zu haben schienen. Dieser Platz und die einzelnen großen Stücke, die am Ophir gefunden waren, hatten den australischen Minen eigentlich ihren Namen gegeben. Jack betrachtete die dort Arbeitenden mit einer Art Andacht – es waren das in seinen Augen alles »gemachte Leute,« und er dachte auch gar nicht daran zu versuchen, ob er hier in der Nähe noch einen Platz zum Arbeiten hätte bekommen können, sondern wanderte ein Stück weiter den Strom hinauf. Es wäre übrigens hier auch vollkommen nutzlos gewesen, denn schon arbeitete fast Mann an Mann, und alles, was an claims vielleicht noch zu bekommen gewesen wäre, war wenigstens mit dem Commissär durchgesteckt und gehörte dessen »particular friends.«
Der »Commissär« schien hier überhaupt eine sehr bedeutende Rolle zu spielen, und so kurze Zeit Jack erst oben gewesen war, so oft hatte er diesen Namen schon nennen hören.
»Was für ein entsetzliches Thier ist denn das eigentlich?« frug er endlich seinen älteren Begleiter, »was thut es, was treibt es und wovon lebt es?«
Der Alte lachte. »Ja, wenn wir den Commissär nicht hätten und einen Löffel,« sagte er, »so müßten wir unsere Suppe trinken. Der vertritt hier alle königlichen Beamten, Polizei und Mauth, Kreis-, District- und Gott weiß was sonst noch für Gerichte. Er ist dabei der »schwarze Douglas«, der die Kinder, aber auch die Alten fürchten macht; er ist der Hauptcassirer der Minen, und leider Gottes auch, wie ich gehört habe, die Bank, wo Hunderte das einzig ersparte Geld niederlegen, um es nie wieder zu sehen, nämlich die, die mit allem Goldwaschen nur ebensoviel erübrigen, zu leben und ihre Licenz zu zahlen. Der Commissär gibt die Licenzen aus und streicht für jede 30 Shilling ein. Dabei ist es gleich, ob wir den Ersten oder den Zwanzigsten zu arbeiten anfangen, die volle Licenz nimmt er doch, und bis zum sechs- und siebenundzwanzigsten, sagen sie, geht er herum wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge. Nachher liegt er ein oder zwei Tage ruhig, und dann fängt er wieder auf den nächsten Monat an.«
»Nun, wir werden dies Wunderthier ja wohl auch zu sehen bekommen,« meinte Jack.
»Wenn wir so sicher Gold zu sehen kriegen wie den,« sagte der Alte, »so können wir uns gratuliren.«