»Die Peitsche?« frug Jack erschreckt, »das ist ja fürchterlich – aber – das muß doch eigentlich schon sehr lange her sein, denn Neu-Südwales ist ja schon lange keine Verbrecher-Colonie mehr, und seit der Zeit hat ja doch, wie ich glaube, alles derartige wohl aufgehört?«
»Seit der Zeit hat es aufgehört,« bestätigte der alte Smith und sah wieder still vor sich nieder, während ein ziemlich starker Zug von Karren und Menschen an ihnen vorüberging. Da diese nicht wußten, ob die beiden Männer herunterkamen, oder ebenfalls hinaufgingen, bekümmerte sich niemand um sie; als sie vorbei waren, fuhr Smith wieder fort. »Es sind nun auch beinahe dreißig Jahre, daß ich in dieser Colonie lebe, und damals freilich sah das Land anders aus als jetzt, und man kann sich jetzt kaum noch eine Idee davon machen. Die Menschen, die man hier herüberschickte, wurden auch eigentlich gar nicht wie Menschen behandelt, es waren Verbrecher, gleich viel um was sie gegen die Gesetze ihres Vaterlandes gesündigt hatten, ob sie vielleicht Brod gestohlen, um nicht zu verhungern, oder den armen Wanderer auf der Straße um seine paar Schillinge todtgeschlagen; ob sie vielleicht einen Hasen auf ihrem eigenen Land geschossen, oder in fremder Leute Eigenthum mit Gewalt eingebrochen waren. – Hier galt das gleich, hier wurden sie alle über einen Kamm geschoren und wehe dem armen Teufel, der sich den Zorn oder auch nur das Mißvergnügen des Oberaufsehers zugezogen hatte – nicht einen Sixpence hätt' ich für seine Haut mehr geben mögen.«
»Und gehörtet Ihr auch mit zu jenen Unglücklichen?« frug Jack theilnehmend. Wäre er länger in Australien gewesen, so hätte er sich die Frage eben ersparen können. – »Ihr scheint sehr genau mit all den damaligen Verhältnissen bekannt zu sein.«
»Ich war mit einem der ersten Emigrantenschiffe herübergekommen,« sagte Smith ruhig, »mein Vater aber war Gefängnißwärter in Port Macquarrie, und da bekam ich eine Aufseherstelle bei den Deportirten – es war ein trauriger Posten,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »und ich habe unendliches Elend dort gesehen, aber doch auch viel Schmerzen lindern können und manchem armen Teufel eine Tracht Schläge erspart, die ihm vielleicht das Leben gekostet hätte.«
»Das muß Euch doch jetzt noch ungemein viel Freude, selbst in der Erinnerung machen,« sagte Jack herzlich – Smith antwortete ihm aber nicht darauf; sich nach seinem jungen Begleiter umsehend, zeigte er auf die einzeln stehenden drei Bäume und sagte:
»Dort an dem mittelsten Stamm, rechts von dem hohen Kamin, das einzige was noch in seiner ganzen Länge stehen geblieben, ist eine Merkwürdigkeit, von der wenig Menschen jetzt hier noch etwas wissen« – Jack sah ihn neugierig an – »Dort verscharrten wir eines Morgens, denn begraben kann ich das nicht gut nennen,« fuhr Smith fort, »einen jungen Mann – es hieß er sollte wegen Wilddiebstahl deportirt worden sein, die rechte Ursache erfuhr man aber nie, und hie und da wurde von einer Liebesgeschichte gemunkelt. Der Oberaufseher hatte ihn wahrhaft tyrannisch behandelt, und da schnitt er sich einmal eines schönen Morgens die Adern auf – als er geweckt werden sollte, war er todt.«
»Und was ist das Merkwürdige, was dort an dem Baum zu sehen ist?« frug Jack.
»Ein kleines Kreuz von irgend einer bunten Art Steine, die eine junge Dame aus Sidney, etwa sechs Monate nach seinem Tod, hat dort einschneiden lassen – wir wollen einmal dort vorbeigehen und es uns ansehen, ehe es dunkel wird.«
»Wir kommen aber dann zu spät ins Nachtquartier,« meinte Jack, und sah sich nach der Sonne um »– die Straße ist auch schon leer, die Sonne wird gleich unter sein.«
»Die Fuhrwerke sind unten beim Wasser geblieben,« erwiderte Smith, seinen Bündel wieder aufnehmend, »wir schneiden uns aber sogar noch ein Stück vom Weg ab, wenn wir hier hinuntergehen, denn die Straße macht einen großen Bogen, den steilen Berg zu umgehen, und so wie wir, von den Schornsteinen ab, ins Thal hinunterkommen, sind wir am Wirthshaus, das da gleich am Wege steht.«